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Ausblick auf Juni-Berlinale : Höhepunkte, wenn die Kinos wieder öffnen

  • -Aktualisiert am

Die harmlose Poolparty als Schauplatz unfassbar korrupter Gesellschaftsverhältnisse: Unter breiten Wedeln lässt es sich in „Azor“ nett verdorben sein. Bild: Berlinale

Im Juni soll der zweite Teil der jüngst beendeten Berlinale stattfinden – öffentlich und mit Publikum. Auf zwei Filme kann man sich besonders freuen.

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          Zu der fünftägigen Branchen-Berlinale, die am vergangenen Freitag zu Ende ging, kann man verschiedene Rechnungen anstellen: Von 120 Stunden brutto muss man 30 bis 40 für Schlaf abziehen, auch andere Vollzüge des Lebens brauchen ihre Zeit, bleibt also für Eifrige eine typische 60-Stunden-Woche. Das heißt bei guter Disziplin: 25 bis 30 Filme sind zu schaffen. 15 hatte allein schon der Wettbewerb. Von vornherein war klar, dass dieses Festival noch viel drastischer als eine normale Berlinale mit zehn Tagen, rotem Teppich und Publikum auf Selektion setzte. De facto war es sogar so, dass der künstlerische Direktor Carlo Chatrian mit seinem zweiten Wettbewerb „Encounters“ im Grunde das verfügbare Zeitbudget vollständig beanspruchte. Für die zahlreichen weiteren Reihen des Festivals blieben nur Stichproben und damit auch für den Eindruck, dass es sich bei der Krisen-Berlinale 2021 insgesamt um einen exzellenten Jahrgang handelte – das Publikum, das die Filme im Juni zu sehen bekommen soll, hat allen Grund zu Vorfreude.

          Zwei dieser Stichproben seien hervorgehoben: der Spielfilm „Azor“ von Andreas Fontana in der Reihe „Encounters“ und der Dokumentar- oder Essayfilm „Juste un mouvement“ von Vincent Meessen im Forum. „Azor“ erzählt von einem Schweizer Banker namens Yvan De Wiel, der in Begleitung seiner Frau auf einer Dienstreise nach Argentinien kommt. Es sind die Jahre der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983. Ein Vertreter der Privatbank, deren wichtigster Teilhaber Yvan ist, ist verschwunden. Die Suche nach diesem Gelddiplomaten mit dem sprechenden Namen René Keys führt zu Begegnungen mit allen Spitzen der Gesellschaft im damaligen Argentinien: ein Großgrundbesitzer, der für seine verschwundene Tochter ein Geheimkonto eröffnen möchte, ein Monsignore in einem „Cercle des armes“, schließlich eine Buchhaltung des Grauens, die den distinguierten Schweizer zu einem Handlanger von brutalen Räubern macht. Parallelen zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ sind deutlich beabsichtigt, und dass Genf, die Heimatstadt von De Wiel, die Lieblingsstadt von Jorge Luis Borges war, spiegelt sich in der reichen Allegorik von „Azor“ auch wider.

          Ein abgrundtief verkommenes Eldorado

          Der Regisseur Andreas Fontana stammt ebenfalls aus Genf, er hat aber auch lange in Argentinien gelebt. „Azor“ geht es allerdings nicht so sehr um die historischen Details, sondern um eine Art Urszene globaler Gegenwart: Ein Land mit rücksichtsloser Oligarchie entwickelt die Strukturen der Abschöpfungsökonomien in der Dritten Welt, die in den Finanzparadiesen ihre Infrastruktur finden. Yvan De Wiel ist nicht Profiteur, sondern ein Getriebener mit sterbendem Gewissen, der ein abgrundtief verkommenes Eldorado findet. Fontana erzählt das in Form eines glamourösen Gesellschaftsfilms, mit Poolpartys und Treffen beim Pferderennen. Er trifft gerade mit dieser Einseitigkeit, mit der nahezu vollständigen Ausblendung einer Perspektive der Opfer, etwas Strukturelles. „Azor“ hätte ohne weiteres auch in den Wettbewerb der Berlinale gepasst.

          Aus dem Internationalen Forum des jungen Films, der meist spannendsten Berlinale-Sektion, stach unter anderem „Juste un mouvement“ von Vincent Meessen hervor, ein Dokumentarfilm über eine bedeutende Randfigur im Mai des Jahres 1968. Der Film „Die Chinesin“ (1967) von Jean-Luc Godard gilt als eines der wichtigsten Kinozeugnisse zu den damaligen Ereignissen. Man sieht darin eine Gruppe revolutionärer Studenten, die sich in einer bürgerlichen Wohnung darüber Gedanken machen, was politisch zu tun sei. Der Schritt in den Terrorismus ist die große Frage, die dabei verhandelt wird. Godard hatte damals vor allem Kontakt zu Studierenden von der Universität Nanterre. Einer davon war Omar Blondin Diop, ein junger Mann aus Afrika, der in „Die Chinesin“ eine prominente Rolle spielt. Sein weiteres Schicksal war tragisch. Er wurde 1969 abgeschoben, betätigte sich in Senegal in der Opposition gegen den Präsidenten Senghor und starb 1973 auf der Gefängnisinsel Gorée unter bis heute ungeklärten Umständen.

          Vincent Meessen versucht mit „Juste un mouvement“ nicht, neue Fakten zu Diops Tod herauszufinden. Es geht ihm vielmehr darum, das intellektuelle Erbe dieser Generation in eine Gegenwart zu holen, die von ganz anderen geopolitischen Bedingungen geprägt ist als vor fünfzig Jahren. 1968 war der Maoismus eine der wichtigsten politischen Strömungen, heute betreibt China in Afrika neoimperiale Außenpolitik. Meessen arbeitet zwar auch dokumentarisch in einem klassischen Sinn, er zeigt Archivmaterial und hat Interviews geführt, unter anderem mit dem Philosophen und Kulturtheoretiker Felwine Sarr.

          Doch „Juste un mouvement“ geht weit über Zeitgeschichtsschreibung hinaus – ein komplexer Filmtext, der zu den Höhepunkten postkolonialen Kinos zu zählen ist. Und der allerdings womöglich auch zu Fragen der kulturellen Aneignung führen wird: Denn so, wie Godard damals den Studenten aus Afrika zu einem Teil seines Revolutionspuzzles gemacht hat, ist es nun auch wieder ein Vertreter des (eines?) Zentrums, ein gebürtiger Amerikaner, der in Brüssel lebt und arbeitet, der sich auf die Spuren von Omar Diop in Senegal begibt. Meessen entdeckt dort zwar eine multipolare Weltordnung, die chinesische Softpower durchwirkt auch seinen Film. Omar Diop wird jedoch vor diesem Hintergrund zu einer Projektionsfigur statt zu einer historischen. Und damit zu einem typischen Protagonisten eines Filmfestivals wie der Berlinale.

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