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Weltpremiere in Warschau : Einige Kinder haben überlebt

  • -Aktualisiert am

Eine Flucht ohne Ziel vor der Vernichtungsmaschine der Nationalsozialisten: Jurek (Kamil Tkacz) in „Lauf Junge, lauf“ Bild: NFP (Filmwelt)

Pepe Danquarts Film „Lauf, Junge, lauf“ erzählt, wie Yoram Friedman die Flucht aus dem Warschauer Getto gelang. Wir haben den Überlebenden bei der Premiere getroffen.

          Ob es hart gewesen sei, den Film zu sehen, fragt mich Yoram Friedman als Erstes in seinem weichen, noch immer leicht polnisch eingefärbten Hebräisch, als er nach der Filmvorführung vor der gläsernen Tür des neuerrichteten Museums für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau steht und eine Zigarette raucht. Hart für mich, nicht hart für ihn.

          Wenige Meter von uns entfernt, auf der anderen Seite des verregneten Museumsvorplatzes, erhebt sich die steinerne schwarzgraue Wand des Ehrenmals für die Helden des Warschauer Getto-Aufstandes. Hier befand sich der Nordteil des von den Nazis so genannten „Jüdischen Wohnbezirks“, hier irgendwo hat Yoram Friedman mit seiner Familie gelebt. Vor den beiden bronzenen Menora-Leuchtern, die links und rechts der zum Ehrenmal emporführenden Treppe stehen, liegen kleine Steine - so gedenkt man bekanntlich der Toten.

          Yoram Friedman aber lebt, und dass er lebt, ist fast ein Wunder. Friedman ist ein hochgewachsener Mann, den man, sieht man ihn aus einiger Entfernung, für gut zwanzig Jahre jünger hält, als er ist. Er feiert bald seinen achtzigsten Geburtstag; wann er geboren ist, weiß er nicht genau, er hat zwei verschiedene Daten in den Unterlagen gefunden, einmal im Februar 1934, einmal im September 1933. Die Familie hat sich entschieden, den Geburtstag im Februar zu feiern - so ist Yoram jünger.

          Seine Geschichte: Yoram Friedman nach der Premiere

          Er ist nicht gern hier in Polen, sagt er. Yoram Friedman fehlt der gesamte rechte Arm, und das ist aus zwei Gründen irritierend - zum einen, weil seine Körpersprache von einer solchen Selbstverständlichkeit ist, dass es schwerfällt, ihn als versehrt zu denken. Zum anderen, weil man weiß, wie es passiert ist und dass seitdem siebzig Jahre vergangen sind.

          Die Flucht aus dem Getto

          Als die Deutschen Polen überfallen, ist Yoram, der damals noch Srulik heißt - die Koseform von Israel -, fünf Jahre alt. Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Er wird mit seiner Familie aus ihrem Heimatdorf Blonie, das für den Film in Breslau nachgebaut wurde, ins Warschauer Getto deportiert. Seine Eltern sind religiös, „aber nicht fanatisch“, wie Friedman es sagt, einfache Leute, der Vater ist Bäcker.

          Im Sommer des Jahres 1942, als die Massendeportationen beginnen, schmuggelt ein polnischer Bauer, der die Abfallkübel aus dem Getto abholt, den knapp neunjährigen Jungen auf seinem Fuhrwerk an den deutschen Wachen vorbei.

          Er bringt ihn in den Wald zu einer Gruppe jüdischer Kinder, und es beginnt eine Überlebensgeschichte. Der achtjährige Junge schlägt sich durch, lebt wochen- und monatelang lang allein im Wald, zieht von Gut zu Gut, arbeitet für die Bauern. Drei Jahre lang, bis zum Kriegsende.

          Eine folgenschwere Handverletzung

          Einmal, als Srulik sich schon längst Jurek nennt, arbeitet er auf dem Gut der Geliebten eines SS-Offiziers. Beim Antreiben der Pferde, die die Dreschmaschine bewegen, gerät Jureks Hand zwischen die Mahlräder, seine Finger werden zermalmt.

          Obwohl ihn die Frau ins Krankenhaus bringt und obwohl man seine Hand wahrscheinlich noch hätte retten können, verliert Jurek seinen ganzen Arm und fast sein Leben - ein polnischer Arzt weigert sich, das Kind zu behandeln, weil er es für jüdisch hält.

          Jurek wird eine Nacht lang auf einer Bahre im Flur abgestellt, und als am nächsten Morgen der Chefchirurg kommt, kann er nur noch amputieren. Weil der Arzt ihn an die Gestapo verrät, muss Jurek schließlich weiterfliehen, er überlebt, einarmig, allein, im Wald.

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