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Zum Tod von Agnès Varda : Der Weltblick am Traumstrand

Au revoir, Agnès Varda: Die große Dame des französischen Kinos begrüßt während der Filmfestspiele von Venedig 2008 ihren Freund, das Meer. Bild: AFP

Sie war Pionierin und Vollenderin, Regisseurin im Tiefenraum des Films, unabhängig als Produzentin, Künstlerin und Frau: zum Tod der unvergleichlichen Agnès Varda.

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          Sie hätte nicht sterben dürfen, noch nicht. Nicht schon mit neunzig Jahren, von denen sie vierundsechzig damit verbrachte, in Bildern und Tönen und Bewegung Geschichten zu erzählen, die so eigenartig, so irrsinnig, persönlich und poetisch waren, dass ein Leben ohne sie und weitere ihrer Kunstwerke, die noch hätten folgen müssen, leer erscheint. Agnès Varda, die große französische Filmemacherin, die am 30.Mai 1928 in Belgien geboren wurde, wird fehlen – nicht nur bei Festivals und Demonstrationen für Frauenrechte und Künstlerinnen, sondern in der Welt überhaupt. Noch vor wenigen Wochen war sie bei der Berlinale, wirkte verschmitzt energisch wie immer, hatte ihren neuen Film dabei, eine Montage ihrer Kinolektionen mit dem Titel „Varda par Agnès“, und nahm einen Ehrenbären im Empfang.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          2017 hatte sie in Hollywood als erste Regisseurin einen Ehren-Oscar bekommen. Und tatsächlich teilte ihre Kunst des Filmemachens mit jener in Hollywood zwar auf den ersten Blick gar nichts, auf den nächsten aber schon: weil es auch Agnès Varda darum ging, ihr Publikum zu unterhalten. Wenn auch mit gänzlich anderen Mitteln. Nicht mit Überwältigung, nicht mit Angeboten zur Identifikation oder Affektabfuhr, sondern mit einem Strand mitten in Paris zum Beispiel, dem Weg eines verlorenen Knopfes und mit der Einladung zum Träumen bei wachem Verstand.

          Agnès Varda kam über die Theaterfotografie zum Film, das unterschied sie von den Männern der Nouvelle Vague, die bis heute als ihre Gründerväter gelten, von François Truffaut, Jean-Luc Godard, Alain Resnais. Sie hatten als Kritiker begonnen, und sie hatten fürs Kino einen Plan. Agnès Varda aber, die sich selbst als „von Geburt an Feministin“ bezeichnete, kam vom Material her, und sie interessierte sich für die Welt und die Verhältnisse des Lebens, vor allem an den Rändern. Deshalb spielen viele ihrer Filme am Strand oder in den Vorstädten.

          Sie war immer frei – zuallererst heißt das, sie blieb unabhängig mit ihrer eigenen Produktionsfirma, die ihre weit über fünfzig Filme produzierte, und dann bedeutet es: Sie wählte ihre Medien, ihre Erzähl- und Darstellungsformen, Mischwesen oft zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem, auch zwischen Fotografie und Installation. Sie akzeptierte keine Grenzen, arbeitete gleichzeitig mit Laien und Professionellen, wechselte zwischen Inszenierung und Wirklichkeit, Erinnerung, Experiment und Fiktion. Avantgarde? Natürlich. Aber auch: Cineastin, was in den letzten Jahren, als auch ihr Werk zunehmend digitalisiert wurde, dazu führte, dass sie aus ihren alten Filmen „Filmschuppen“ baute, die aussehen, wie Kinder Häuser malen, vier Wände mit einem Giebeldach obendrauf. Alles aus belichteten Filmstreifen gebaut. Wenn man in einem solchen Schuppen herumgeht und das Licht durch die Wände fällt, ist das eine neue Art von Kino – ohne Projektor, aber mit bewegtem Zuschauer. Agnès Varda hielt nicht an etwas fest, das die Zeit hinter sich gelassen hatte, wie den analogen Film. Sie machte einfach etwas anderes daraus.

          Was bleibt? „Cleo de 5 à 7“ von 1962 und „Le bonheur“ von 1965 aus ihrem Frühwerk. Beides Klassiker, der zweite erfolgreich auch, so meinte sie bei Gelegenheit, „weil er so hübsch aussieht“ – inspiriert von den Bildern der Impressionisten – „und so grausam ist“, weil das Glück hier nur dem zuteilwird, der für Schuld kein Gefühl hat. Und es bleibt fast alles, was folgte, weil diese Künstlerin das Kino in seinem emphatischsten Sinne verkörperte – nicht nur als Lebens-, sondern als Wahrnehmungsform.

          Die Zeit nicht anzuhalten, sondern in ihrem Vergehen zu begleiten, so nannte Agnès Varda in ihrem letzten Film das Besondere am Kino. Man wünschte, Jacques Demy, mit dem sie von 1962 bis zu dessen Tod 1990 verheiratet war, würde auferstehen und für sie einen Film drehen, ein Musical im Stil seiner „Regenschirme von Cherbourg“, so wie sie 1991 „Jacquot de Nantes“ für ihn gedreht hat. Stattdessen bleibt als melancholisches Abschiedsbild unserer Zeit mit Agnès Varda jene Szene aus „Visages/Villages – Augenblicke einer Reise“, in der sie mit dem Street-Artist JR am Genfer See sitzt und traurig über das Wasser blickt, weil Jean-Luc Godard, den sie besuchen wollte, ihr die Tür nicht öffnete. Die Szene macht klar, was zwischen den beiden liegt, die jeder für sich die Nouvelle Vague und alles, was daraus folgte, länger als ein halbes Jahrhundert lang verkörperten. Godard wurde ein Menschenfeind. Agnès Varda aber blieb dabei, dass die Kunst ohne die Menschen nichts wert ist. Jetzt ist die Frau mit dem farbigen Pilzkopf, die mehr vom Leben und vom Kino verstand als alle ihre Zeitgenossen, in Paris gestorben.

          Agnès Varda, geboren am 30. Mai 1928 in Brüssel, gestorben am 29. März 2019, in einer Szene des Dokumentarfilms „Varda par Agnès“ Bilderstrecke

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