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Cannes vor der Preisverleihung : Zwischen Kunst und Leben gibt es keinen Mittelweg

  • -Aktualisiert am

Am Rand des Regenwalds: Szene aus „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul mit Tilda Swinton Bild: Festival de Cannes

Die Jury um den Präsidenten Spike Lee dürfte es in diesem Jahr schwerer haben als sonst, in Cannes einen Gewinner zu küren. Im Programm liefen gleich mehrere Filme, die nicht leer ausgehen dürfen.

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          Eine Festivaljury ist kein Tribunal. Die acht Regisseurinnen, Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich um den Jurypräsidenten Spike Lee gruppieren, werden also am heutigen Samstagabend kein Urteil verlesen, sondern jene Filme aus der diesjährigen Auswahl herausheben, die ihnen besser gefallen haben als der Rest. Die Entscheidung dürfte diesmal schwerer fallen als sonst, nicht weil es so viele großartige Filme im Wettbewerb gegeben hätte, sondern weil unter den Favoriten so viele alte Bekannte sind.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Apichatpong Weerasethakul hat in Cannes schon den Preis der Jury (für „Tropical Malady“) und die Goldene Palme (für „Onkel Bonmee“) gewonnen, aber man kann sich trotzdem nur schwer vorstellen, dass sein neuester Film „Memoria“ ohne Auszeichnung bleiben wird. Weerasethakuls filmisches Lebensprojekt ist, kurz gesagt, die Wiederverzauberung einer entzauberten Welt, und das gelingt ihm auch in dieser Geschichte, der ersten, die nicht in seiner thailändischen Heimat spielt.

          Am Anfang schreckt eine Frau (Tilda Swinton) nachts aus dem Bett hoch. Sie hat ein Geräusch gehört, ein dumpfes Krachen, das sie von da an nicht mehr loslässt. Eigentlich ist Jessica nur nach Bogotá gekommen, um ihre erkrankte Schwester zu besuchen, aber das Krachen in ihrem Kopf zwingt sie, ihre Reisepläne zu ändern. Sie lernt eine Archäologin kennen, die sechstausend Jahre alte menschliche Schädel untersucht. In einem befindet sich ein offenbar durch Trepanation entstandenes kreisrundes Loch. Es könnte gebohrt worden sein, erklärt die Archäologin, um die Geister aus dem Schädel zu vertreiben. Aus einem ähnlichen Grund wurde auch dieser Film gedreht, denn sein Regisseur hat selbst eine Zeitlang unter jenem Syndrom gelitten, das von Medizinern als „exploding head“ bezeichnet wird.

          Von rasender Frankophilie getrieben

          In einer Hütte am Rand des Regenwalds erlebt Jessica, die bis dahin wie eine Touristin durch Kolumbien gelaufen ist, dann ihren Apichatpong-Weerasethakul-Augenblick. Der Mann, der in der Hütte wohnt, wird ebenfalls von dem Krachen geplagt. Außerdem hat er die Fähigkeit, sich selbst in einen totenähnlichen Zustand zu versetzen. Jessica wiederum kann seine Erinnerungen lesen. Gemeinsam erfahren sie in einer Vision, wie das Geräusch, das sie verfolgt, entstanden sein könnte. Man würde dieses Bild gerne beschreiben, aber es gehört zu jenen seltenen Dingen, die in der Mitteilung verloren gehen. Man muss es sehen, wie alles bei Weerasethakul, dem großen Bildermacher des Kinos.

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          Auch Wes Anderson und Asghar Farhadi waren schon mehrmals in Cannes zu Gast, aber während die Kritiker Farhadis „Ghahreman“ (F.A.Z. vom 14. Juli) favorisieren, könnte Andersons „French Dispatch“ bei den Schauspielern in der Jury die Nase vorn haben. Sein Figurenkarussell, das sich, von rasender Frankophilie getrieben, wie aufgezogen um die großen Themen des vergangenen Jahrhunderts dreht, die Kunst und das Geld, die Liebe und die Revolution, ist einfach zu liebevoll konstruiert, um völlig übergangen zu werden. In einem Festivaljahrgang, der durch die pandemiebedingten Einschränkungen eher wie eine Zwischenlösung als wie ein Neustart wirkte, dürfte „French Dispatch“ für Kino-Nostalgiker die erste Wahl sein.

          Diese Balance des Unglücks

          Große Entdeckungen, strahlende Auftritte neuer Talente, wie sie jedes Festival erhofft – in Cannes waren sie früher fast Routine –, gab es in diesem Jahr jedenfalls nicht. Dafür blühte, neben dem langweiligen (wie bei Ildikó Enyedi), das solide und verlässliche Handwerk des Erzählens, und bei Justin Kurzel, dessen Film „Nitram“ am letzten Wettbewerbstag lief, hatte es sogar einen Hauch von Schärfe.

          Kurzel erzählt die Vorgeschichte eines Amoklaufs, der sich in den Neunzigerjahren im tasmanischen Port Arthur ereignete. Aber er blickt dem späteren Täter nicht verständnisvoll über die Schulter, sondern zeigt in gnadenloser Folgerichtigkeit, wie er sich vom Mittelklasse-Sohn mit psychischen Problemen zum kaltblütigen Killer entwickelt. Die Darstellung des Gemetzels am Ende kann der Film sich deshalb ersparen, denn wir haben ja in Nitrams Blick gesehen, was uns erwartet. Immer wieder einmal wird die Frage gestellt, wie man im Kino von einem Amokläufer erzählen kann, ohne seinen Opfern ein zweites Mal ihre Würde zu nehmen. „Nitram“ gibt darauf eine treffende Antwort.

          In Joachim Lafosses „Les Intranquilles“ (Die Unruhigen), dem letzten Beitrag im Wettbewerb von Cannes, zerfällt eine Familie, die alles hat, was andere sich wünschen, Glück, Wohlstand, Genie, in zwei Kinostunden vor den Augen der Kamera. Denn Damien, ein Maler, leidet unter einer bipolaren Störung, die ihn zu einer ständigen Gefahr für seine Frau, sein Kind und seine Umwelt macht. Die Tragik dieser Konstellation liegt darin, dass Damien die manischen Zustände, in die ihn seine Krankheit treibt, für seine künstlerische Arbeit braucht. Wenn er seine Medikamente nimmt, kann er nicht malen, wenn er sie absetzt, hat er kein Leben mehr.

          Lafosse entwickelt diese Balance des Unglücks mit einer Geduld, die man übertrieben nennen könnte, wenn sie nicht durch die hinreißende Präsenz seiner Schauspieler belohnt würde. „Les Intranquilles“ ist nach einer wahren Geschichte entstanden, aber auch wahre Geschichten können auf der Leinwand lügen. Diesem Film jedoch glaubt man jedes Wort, auch weil er nie so tut, als ob es das letzte wäre. Trotzdem muss auch Damiens Tragödie einmal enden, nicht mit einem Knall, sondern mit einem Seufzer. So wie das Festival von Cannes.

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