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Weblogs : Jetzt kommen die Wir-Medien

Begeisterte Bloggerin Bild: AP

Die Blogger werden, so scheint es, immer mächtiger. Die Öffentlichkeitsarbeiter aus der Wirtschaft lehren sie schon das Fürchten. Problematisch wird es, wenn Sendungsbewußtsein und Qualifikation weit auseinanderliegen.

          Eine halbe Stunde für ein Interview mit dem Minister, und der Mann ist noch nicht einmal Journalist! Daß Loic Le Meur eine halbe Stunde mit dem französischen Innenminister Sarkozy zusammensaß, um über dessen umstrittene Sätze über die Jugendlichen in der Banlieue („Racaille“) zu diskutieren und über die Zukunft des Internets zu philosophieren, sorgte für allerhand qualifizierten Unmut.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Le Meur ist ein Blogger der ersten Stunde. Ein mächtiger Blogger, wie es scheint. Denn Sarkozy, ebenfalls Blogger, hatte ihn zur Audienz gebeten. Überraschend hatte der Minister auf Entrüstung und Vorwürfe über seine Aussagen direkt in einem Blog reagiert; in einem von inzwischen Abermillionen Online-Tagebüchern - sogenannten Weblogs oder kurz: Blogs -, in denen digitale Nabelschau, Journalismus oder Politik betrieben werden. Im Sekundentakt entstehen neue Blogs, inzwischen haben sich auch Video-Blogger, kurz: Vlogger, der Bewegung angeschlossen. Der Handel mit digitalen Accessoires - um den eigenen Auftritt schön herzurichten - blüht; vor allem in Asien.

          Ein Raum, der schnell reagiert

          Blogs sind leicht zu erstellen und zu verwalten. Sie sind der öffentliche Raum für den interneterfahrenen Jedermann. Ein Raum, der schnell reagiert. Die ersten Bilder und Informationen über die Bombenanschläge in der Londoner U-Bahn waren in Blogs zu finden, und etablierte Medien griffen dankbar darauf zurück. Inzwischen will ein neuer Trend entstanden sein: Jeder kann jetzt mitmachen, jeder ist Reporter. „Die Art der Mediennutzung verändert sich. Sie verliert ihren Vorlesungscharakter und wird zu einer Konversation“, prophezeite Dan Gillmor jetzt auf dem von Hubert Burda Media veranstalteten Digital Lifestyle Day 2006 in München. Gillmor, Gründer eines mit den Universitäten Harvard und Berkeley verbundenen Zentrums, das sich mit „Graswurzelmedien“ beschäftigt - und sie fördern will -, meint gar, daß die Menschen, dadurch daß sie abseits der traditionellen Medien aktiver am öffentlichen Leben teilhaben könnten, zu aktiveren Bürgern würden. Ein neues - politisches - Kontrollinstrument entstünde.

          Es scheint, als liege Gillmor mit seiner Einschätzung zumindest nicht falsch. Inzwischen lehren Blogs die Öffentlichkeitsarbeiter aus der Wirtschaft schon das Fürchten. Als Loic Le Meur in seinem Blog verkündete, er habe die Turnschuhmarke gewechselt, rief - wie er sagte - die PR-Abteilung des abservierten Sportartikelherstellers umgehend an, um sich nach den Gründen zu erkundigen. Daß alternative Medienkanäle auch eine wichtige politische Rolle spielen können, hat schon 1979 die iranische Revolution gezeigt, in der Propaganda auf Audiokassetten effektiv daran mitwirkte, jene kritische Masse herzustellen, die den Ajatollahs als Steigbügelhalter diente. Die Informationsverteilung über die neuen - digitalen - alternativen Medienkanäle wäre noch einfacher. Gillmor hat sich jedenfalls festgelegt: „Die sogenannten neuen Medien waren einmal, jetzt kommen die Wir-Medien.“

          Schleusenwärter gefragt

          Wir alle sind also jetzt die Medien! Ist das nicht toll? Weniger toll ist es dann, wenn Sendungsbewußtsein und Qualifikation weit auseinanderliegen. Überhaupt nicht phantastisch ist es, wenn das Internet noch mehr zu einer Plattform für extremistische politische oder religiöse Eiferer oder für willkürlichen Rufmord würde. Daß es unabdingbar ist, sich im Internet auch darum zu kümmern, extreme Auswüchse einzudämmen, das gesteht auch Gillmor gerne ein, der in den Bloggern freilich weniger eine journalistische als vielmehr eine geschäftliche Bedrohung der etablierten Medien sieht. Diese wären in der Tat als Schleusenwärter eines sich immer schneller verbreiternden Nachrichtenflusses stärker gefragt denn je. Ob sie aber tatsächlich auch immer gefragt werden, wenn es darum geht, die Information aus dem Netz zu überprüfen und einzuordnen?

          Die etablierten Medien könnten Blogs und Vlogs nicht nur als Informationsressource nutzen, sondern auch dazu, ihre Klientel zu binden, meinen die Wir-Medien-Macher. „Nehmt die fünf wichtigsten Schlagzeilen vom Tag, und richtet Vlogs und Blogs dazu ein“, fordert Gabriel McIntyre, der mit anderen unter freevlog.org Gratis-Online-Unterricht im Vloggen erteilt. Frei nach dem Motto: Ich lese jede Zeitung, in der etwas über mich steht, ich lese sie auch, wenn ich sie als Plattform nutzen kann. Daß das jedoch leichter gesagt ist als getan, mußte unlängst die „Washington Post“ schmerzlich erfahren. Eine Kolumnistin des Blattes wurde im hauseigenen Blog übelst beschimpft, und zwei Mitarbeiter, die nichts anderes zu tun hatten, als die Blogs von Unrat zu befreien, waren schlicht überfordert. So mußte die „Post“ zwischenzeitlich den Stecker ziehen und ein neues Registrierungsverfahren einrichten.

          Daß Gäste auf der eigenen Party nicht randalieren, dafür kann man vor allem sorgen, indem man sie zwingt, auch einmal Gastgeber zu sein. Wer zum Beispiel im Blog der gar nicht so kleinen „Kleinen Zeitung“ aus Österreich jemand anderen kommentieren will, muß dort einen eigenen Auftritt vorweisen können. Anonyme Pöbeleien gebe es dort nur vereinzelt, weil es eben - für Internetbegriffe - keine rechte Anonymität gibt, sagt Florin Jäger von „Knallgrau“, dem Medienunternehmen, das das Blog entwickelt hat. Der Erfolg des Blogs zeigt auch, daß vor allem regionale Inhalte ein interessantes Betätigungsfeld für die Blogger im „globalen Dorf“ sein können. Arena mag zwar die Bundesliga-Rechte haben. Über das Faßdaubenrennen in Kinsdorf berichtet im Blog der Brauchtumsverein Maierdorf. Wir alle sind Medien.

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