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Weblogs : Jede Sekunde ein neuer Debütant

Begeisterte Bloggerin in Singapur Bild: AP

Frauen beschreiben Sachen oft so toll: Die wuchernden Internetblogs werden auch als Medium für Literatur entdeckt. Bei den jüngeren Bloggern dominiert das weibliche Geschlecht.

          Bis vor wenigen Jahren wurden vornehmlich Tagebücher veröffentlicht, die in irgendeiner Hinsicht als bedeutsam galten - sei es literarisch, wegen der Bekanntheit ihrer Verfasser oder der Besonderheit ihres Schicksals. Aber jetzt gibt es das Internet: Die sogenannten Blogs haben für einen Informationspluralismus gesorgt, der ohne dieses Medium nicht denkbar wäre.

          Einige Blogs beschäftigen sich ganz in der ursprünglichen Tradition des Tagebuchs hauptsächlich mit persönlichen Befindlichkeiten, andere mit politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Aspekten des Zeitgeschehens. Aber es finden sich auch Details aus dem Leben diverser Haustiere oder Lobeshymnen auf eine Amaryllis-Ausstellung, geschrieben in Tagebuchform für eine Leserschaft mit gleichen Interessen. Und wieder andere ersetzen mit ihrem Blog jenes Buch, das Generationen vor ihnen unter der Matratze versteckten: eigene Versuche in Poesie und literarischer Prosa.

          Baumhaus fertig! Toll!

          Litblogs nennt die Internetcommunity solche Websites, auf denen von Gedichten über Kurzgeschichten und autobiographischen Texten bis hin zu aktuellen feuilletonistischen Pamphleten alles vertreten ist. Auf „modeste.twoday.net“ etwa findet sich sowohl ein Text mit dem Titel „Du meines Panthers Rosengang - Über Alkibiades aus Athen“ als auch die pointiert aufbereitete Erinnerung an die Dampfplauderei auf einer Party. „Um zu wünschen zu erklären jemand, daß die Liebe ist, erscheint zu mir nicht, warum jemand liebte ist, dennoch sehr mit Schwierigkeit, aber ihr führt, um auf dem genau ausschließlich genau zu sein“, sprachexperimentiert ein Blogger auf „itaipu.twoday. net“. In die humoristische Richtung geht dagegen „textspeier.blog.de“: „Baum gefällt. Gesägt. Gehämmert. Baumhaus fertig! Toll! Doch wohin nun damit? Baum gepflanzt.“

          Wem die Klinkenputzerei bei Verlagen oder Literaturmagazinen zu anstrengend und eine private Veröffentlichung zu teuer ist, der hat im Internet die Möglichkeit, seine Texte ohne diese Hürden einer breiten Masse zugänglich zu machen. Wenn sich dadurch eine regelmäßige Leserschaft findet, steigen die Chancen zu einer Veröffentlichung in Buchform automatisch - Debütanten mit bereits vorhandener Fangemeinde sieht jeder Verlag gern. Vorreiter bei den Blogs - die man damals noch nicht so nannte - war der Schriftsteller Rainald Goetz, der schon 1998 sein Tagebuch im Internet führte, das ein Jahr später in herkömmlicher Papierform als „Abfall für alle“ erschien. Auf insgesamt 860 Buchseiten hatte Goetz nicht immer Weltbewegendes, sondern auch mal sein Essen oder die Qualität seiner Nachtruhe notiert. Ein früher Hinweis darauf, wie fließend die Grenzen zwischen Tagebuch, journalistischen Kolumnen und Literatur sind. Wenn die Litblogs als Gattung überhaupt zu definieren sind, dann höchstens mit dem Anspruch des Autors auf einen gewissen literarischen Wert, mit welchem Thema er sich auch immer befassen mag.

          Kommentierung grundsätzlich erwünscht

          Ein anderer Blogger der ersten Stunde ist Rainer Meyer, der seit 2001 online ist. Seine Kunstfigur „Don Alphonso“ schlägt sich auf „rebellmarkt.blogger.de“ mit den Wirrungen des Lebens herum. Meyer, im wahren, nichtvirtuellen Leben Autor und Journalist, schätzt „die für einen Literaten ungewöhnliche Situation wegen des direkten Kontakts zum Leser“. Durch deren Kommentare zu den einzelnen Einträgen kann der Blogger sich ein Bild davon machen, wofür sich seine Leserschaft interessiert. Die interaktive Möglichkeit zur Kommentierung ist eines der Charakteristika der Technik und bei Bloggern jeglicher Ausrichtung - nicht nur bei literarisch ambitionierten Schreibern - grundsätzlich erwünscht; die meisten Online-Tagebücher erfordern dafür nicht einmal eine vorherige Registrierung.

          Bei einer Untersuchung der Forschungsstelle „Neue Kommunikationsmedien“ der Universität Bamberg gaben mehr als ein Drittel aller ehemaligen Blogger an, ihr Hobby wegen mangelnden Feedbacks aufgegeben zu haben. Trotzdem gibt es vor allem zu Nischenthemen durchaus Blogs, die sich an einer minimalen Anzahl von Lesern und Kommentaren nicht stören. „Das Prinzip ,Relevanz durch Auflage' ist bei Bloggern nicht verbreitet“, erklärt Meyer und bringt damit einen der wesentlichsten Unterschiede zu den meisten anderen Medien auf den Punkt: Genau wie ein privates Tagebuch führen die meisten ihren Blog aus einem inneren Bedürfnis oder der Freude am Schreiben heraus.

          Frauen beschreiben so toll

          Diese Motivation bringt insgesamt erstaunlich viele Frauen ins Netz. Nach der Bamberger Untersuchung liegt die Geschlechterverteilung bei Bloggern aus allen Bereichen im Erwachsenenalter etwa bei fünfzig zu fünfzig, von den Bloggern unter zwanzig sind sogar sechsundsechzig Prozent weiblich - die Zeiten, in denen junge Mädchen ihr Tagebuch vor den Eltern geheimhielten, sind wohl endgültig vorbei. Heute darf jeder mal reinschauen. Der Durchschnittsblogger entspricht jedoch immer noch dem jahrzehntealten Klischee vom Computerfreak: männlich, um die dreißig, gebildet, oft noch in Ausbildung. Gerade die Online-Tagebücher mit literarischem Anspruch werden aber oft von Frauen geführt. Rainer Meyer wundert das nicht: „Ich glaube, daß Bloggen zentral eine gute Geschichte erzählen bedeutet. Frauen beschreiben Sachen oft so toll. Männer sind da eher schlicht und zielgerichtet.“

          Da nicht jeder Blog nach Inhalten untersucht werden kann, läßt sich die Anzahl der Litblogs kaum ermessen. Selbst bei der Frage, wie viele Blogs es insgesamt gibt, kommen die Erhebungen zu extrem unterschiedlichen Resultaten. Das kalifornische Unternehmen Technorati zählte Anfang Februar 27 Millionen Blogs weltweit. Bereits im August 2005 bezifferte jedoch der „Blog Herald“, eine Website mit Blogger-Nachrichten, ihre Anzahl auf siebzig Millionen. Auch der Versuch, die deutschsprachigen Blogs quantitativ zu erfassen, ist offenbar zum Scheitern verurteilt. Der „Blog Herald“ sah ihre Zahl bei 280.000 gegenüber 7500 im Juli 2004, konservative Schätzungen wie die von Thomas Burg, Organisator der Konferenz „BlogTalk“ in Wien, liegen bei 60.000.

          Sympathisch unmodern

          Die Tatsache, daß man der Blogosphäre praktisch beim Wachsen zusehen kann, macht die Zählversuche zur Sisyphos-Arbeit. In einem nämlich sind sich alle Experten einig: In diesem Bereich explodiert das Internet geradezu. Jede Sekunde komme ein neuer Blog hinzu, errechnete Technorati, alle fünfeinhalb Monate verdoppelte sich ihre Gesamtzahl. Führend sind die Vereinigten Staaten mit geschätzten fünfzehn bis zwanzig Millionen Online-Tagebüchern und ständig neuen Trends: Mit Sendungen im mp3-Format (Podcast) und selbstproduzierten Videos (Vblog) zum Herunterladen werden dort schon länger die technischen Möglichkeiten ausgenutzt.

          Dagegen wirken gerade die literarisch ausgerichteten deutschen Blogs sympathisch unmodern. Viele virtuelle Tagebücher sehen sich ohnehin recht ähnlich, weil die Online-Firmen, die Speicherplatz und Technik zur Verfügung stellen, auch gleich eine - bei Bedarf variierbare - Optik mitliefern. Zwischen rosafarbenen Lilien stellt „Fantasia“ auf „www.blogigo.de/die_unendliche_geschichte“ ihre Gedichte online, ganz ohne Gimmicks zum Download oder animierte Bildchen. Schlichtheit siegt. Zu einer Podcast-Variante läßt sich inzwischen allerdings auch diese Szene hinreißen: Ausgewählte Blogtexte werden vorgelesen, zusammen mit rechtefreier Musik aufgenommen und auf „www.blogread.de“ gestellt, wo sie jeder herunterladen und anhören kann.

          Schreckensmeldungen aus Amerika

          So viele Möglichkeiten das Internet auch bietet, streben doch einige Blogger zunehmend in die herkömmlichen Printmedien. So auch Katharina Borchert, Autorin von „www.lyssas-lounge.de“, die für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schreibt. Ihre Gedankenspiele und kolumnenartigen Erfahrungsberichte haben ihr den Weblog Award der „Deutschen Welle“ in der Kategorie „Bester deutscher journalistischer Blog“ eingebracht. Mit ihren Texten über erste Bowling-Versuche oder Beerdigungen von alten Freunden gibt sie sehr Persönliches von sich preis und hält auch ihre Identität nicht geheim. Selbstverständlich ist das nicht: Bei der Untersuchung der Bamberger Universität gaben fast dreißig Prozent aller Blogger an, ihre Seite anonym oder unter Pseudonym zu führen. Schreckensmeldungen aus Amerika, wo bei Bewerbungen die Blogs der Kandidaten gelesen werden und schon Leute aufgrund ihrer Äußerungen im virtuellen Tagebuch ihre Jobs verloren haben, rechtfertigen eine gewisse Besorgnis.

          Eine ganz andere, offensive Richtung schlagen Blog-Lesungen ein. In Frankfurt am Main, Kiel oder München lesen neuerdings Online-Autoren aus ihren Texten vor und lernen oft erst dabei ihre Internetbekanntschaften, Kollegen oder Stammleser persönlich kennen. Auch dieser Trend zeigt den Irrtum des verbreiteten Vorurteils, Blogger seien schüchterne Eigenbrötler, die sich hinter ihren Rechnern verstecken. Rainer Meyer, der als Don Alphonso an den Münchner Blog-Lesungen teilnimmt, hat ein anderes Bild von der Szene: „Als Blogger muß man schon ein kleines bißchen extrovertiert sein. Sicher sind da auch richtige Rampensäue dabei.“ Übrigens: Während Sie diesen Artikel gelesen haben, wurden weltweit über dreihundert neue Blogs eröffnet.

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