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Weblogs : Jede Sekunde ein neuer Debütant

Sympathisch unmodern

Die Tatsache, daß man der Blogosphäre praktisch beim Wachsen zusehen kann, macht die Zählversuche zur Sisyphos-Arbeit. In einem nämlich sind sich alle Experten einig: In diesem Bereich explodiert das Internet geradezu. Jede Sekunde komme ein neuer Blog hinzu, errechnete Technorati, alle fünfeinhalb Monate verdoppelte sich ihre Gesamtzahl. Führend sind die Vereinigten Staaten mit geschätzten fünfzehn bis zwanzig Millionen Online-Tagebüchern und ständig neuen Trends: Mit Sendungen im mp3-Format (Podcast) und selbstproduzierten Videos (Vblog) zum Herunterladen werden dort schon länger die technischen Möglichkeiten ausgenutzt.

Dagegen wirken gerade die literarisch ausgerichteten deutschen Blogs sympathisch unmodern. Viele virtuelle Tagebücher sehen sich ohnehin recht ähnlich, weil die Online-Firmen, die Speicherplatz und Technik zur Verfügung stellen, auch gleich eine - bei Bedarf variierbare - Optik mitliefern. Zwischen rosafarbenen Lilien stellt „Fantasia“ auf „www.blogigo.de/die_unendliche_geschichte“ ihre Gedichte online, ganz ohne Gimmicks zum Download oder animierte Bildchen. Schlichtheit siegt. Zu einer Podcast-Variante läßt sich inzwischen allerdings auch diese Szene hinreißen: Ausgewählte Blogtexte werden vorgelesen, zusammen mit rechtefreier Musik aufgenommen und auf „www.blogread.de“ gestellt, wo sie jeder herunterladen und anhören kann.

Schreckensmeldungen aus Amerika

So viele Möglichkeiten das Internet auch bietet, streben doch einige Blogger zunehmend in die herkömmlichen Printmedien. So auch Katharina Borchert, Autorin von „www.lyssas-lounge.de“, die für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schreibt. Ihre Gedankenspiele und kolumnenartigen Erfahrungsberichte haben ihr den Weblog Award der „Deutschen Welle“ in der Kategorie „Bester deutscher journalistischer Blog“ eingebracht. Mit ihren Texten über erste Bowling-Versuche oder Beerdigungen von alten Freunden gibt sie sehr Persönliches von sich preis und hält auch ihre Identität nicht geheim. Selbstverständlich ist das nicht: Bei der Untersuchung der Bamberger Universität gaben fast dreißig Prozent aller Blogger an, ihre Seite anonym oder unter Pseudonym zu führen. Schreckensmeldungen aus Amerika, wo bei Bewerbungen die Blogs der Kandidaten gelesen werden und schon Leute aufgrund ihrer Äußerungen im virtuellen Tagebuch ihre Jobs verloren haben, rechtfertigen eine gewisse Besorgnis.

Eine ganz andere, offensive Richtung schlagen Blog-Lesungen ein. In Frankfurt am Main, Kiel oder München lesen neuerdings Online-Autoren aus ihren Texten vor und lernen oft erst dabei ihre Internetbekanntschaften, Kollegen oder Stammleser persönlich kennen. Auch dieser Trend zeigt den Irrtum des verbreiteten Vorurteils, Blogger seien schüchterne Eigenbrötler, die sich hinter ihren Rechnern verstecken. Rainer Meyer, der als Don Alphonso an den Münchner Blog-Lesungen teilnimmt, hat ein anderes Bild von der Szene: „Als Blogger muß man schon ein kleines bißchen extrovertiert sein. Sicher sind da auch richtige Rampensäue dabei.“ Übrigens: Während Sie diesen Artikel gelesen haben, wurden weltweit über dreihundert neue Blogs eröffnet.

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