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Weblogs : Jede Sekunde ein neuer Debütant

Ein anderer Blogger der ersten Stunde ist Rainer Meyer, der seit 2001 online ist. Seine Kunstfigur „Don Alphonso“ schlägt sich auf „rebellmarkt.blogger.de“ mit den Wirrungen des Lebens herum. Meyer, im wahren, nichtvirtuellen Leben Autor und Journalist, schätzt „die für einen Literaten ungewöhnliche Situation wegen des direkten Kontakts zum Leser“. Durch deren Kommentare zu den einzelnen Einträgen kann der Blogger sich ein Bild davon machen, wofür sich seine Leserschaft interessiert. Die interaktive Möglichkeit zur Kommentierung ist eines der Charakteristika der Technik und bei Bloggern jeglicher Ausrichtung - nicht nur bei literarisch ambitionierten Schreibern - grundsätzlich erwünscht; die meisten Online-Tagebücher erfordern dafür nicht einmal eine vorherige Registrierung.

Bei einer Untersuchung der Forschungsstelle „Neue Kommunikationsmedien“ der Universität Bamberg gaben mehr als ein Drittel aller ehemaligen Blogger an, ihr Hobby wegen mangelnden Feedbacks aufgegeben zu haben. Trotzdem gibt es vor allem zu Nischenthemen durchaus Blogs, die sich an einer minimalen Anzahl von Lesern und Kommentaren nicht stören. „Das Prinzip ,Relevanz durch Auflage' ist bei Bloggern nicht verbreitet“, erklärt Meyer und bringt damit einen der wesentlichsten Unterschiede zu den meisten anderen Medien auf den Punkt: Genau wie ein privates Tagebuch führen die meisten ihren Blog aus einem inneren Bedürfnis oder der Freude am Schreiben heraus.

Frauen beschreiben so toll

Diese Motivation bringt insgesamt erstaunlich viele Frauen ins Netz. Nach der Bamberger Untersuchung liegt die Geschlechterverteilung bei Bloggern aus allen Bereichen im Erwachsenenalter etwa bei fünfzig zu fünfzig, von den Bloggern unter zwanzig sind sogar sechsundsechzig Prozent weiblich - die Zeiten, in denen junge Mädchen ihr Tagebuch vor den Eltern geheimhielten, sind wohl endgültig vorbei. Heute darf jeder mal reinschauen. Der Durchschnittsblogger entspricht jedoch immer noch dem jahrzehntealten Klischee vom Computerfreak: männlich, um die dreißig, gebildet, oft noch in Ausbildung. Gerade die Online-Tagebücher mit literarischem Anspruch werden aber oft von Frauen geführt. Rainer Meyer wundert das nicht: „Ich glaube, daß Bloggen zentral eine gute Geschichte erzählen bedeutet. Frauen beschreiben Sachen oft so toll. Männer sind da eher schlicht und zielgerichtet.“

Da nicht jeder Blog nach Inhalten untersucht werden kann, läßt sich die Anzahl der Litblogs kaum ermessen. Selbst bei der Frage, wie viele Blogs es insgesamt gibt, kommen die Erhebungen zu extrem unterschiedlichen Resultaten. Das kalifornische Unternehmen Technorati zählte Anfang Februar 27 Millionen Blogs weltweit. Bereits im August 2005 bezifferte jedoch der „Blog Herald“, eine Website mit Blogger-Nachrichten, ihre Anzahl auf siebzig Millionen. Auch der Versuch, die deutschsprachigen Blogs quantitativ zu erfassen, ist offenbar zum Scheitern verurteilt. Der „Blog Herald“ sah ihre Zahl bei 280.000 gegenüber 7500 im Juli 2004, konservative Schätzungen wie die von Thomas Burg, Organisator der Konferenz „BlogTalk“ in Wien, liegen bei 60.000.

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