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Doku über Wim Wenders : Herr Himmel, unterwegs

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Kubanische Liebe: Wim Wenders (vorne) und Compay Segundo während der Dreharbeiten zum Film „Buena Vista Social Club“ Bild: Foto Verleih Studio Hamburg Enterprises

Ein Geburtstagsgeschenk für einen Kinofanatiker: Die Dokumentation „Wim Wenders, Desperado“ von Eric Friedler und Andreas Frege alias Campino ist erschienen.

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          Der Himmel bekommt seine Bedeutung durch das, was darunter ist, auf der Erde, wo die Menschenwesen herumkreuchen. Ein Mann, der auf einem einsamen Bahngleis daherkommt, macht erst so richtig etwas aus dem Firmament. Es würde sonst eher ins Leere leuchten. Wim Wenders ist ein Filmemacher, der sich auf Himmel versteht. Er hat immer wieder den „Big Sky“ über Amerika gefilmt, und er hat den Himmel über Berlin sprichwörtlich gemacht. Es macht also Sinn, dass der Porträtfilm „Wim Wenders, Desperado“ mit einer Szene beginnt, in der sich die Erde und das, was über ihr den Anschein einer schützenden Sphäre gibt, berühren. Und an diesem Berührungspunkt in der Geisterstadt Terlingua in Texas steht ein winziger Mensch: der Künstler und Augenmensch Wim Wenders.

          Seine bürgerlichen Vornamen Wilhelm Ernst, die er während seiner Kindheit in Oberhausen-Sterkrade trug, muss man nachschlagen, sie fallen im Film über ihn nicht. Er hätte sicher auch mit diesem Goethe’schen Langnamen gut reüssieren können: Wilhelm Ernst Wenders. Da er aber auch ein Ohrenmensch und als solcher sehr stark ein Kind der populären Kultur ist, passt der salopp verkürzte Vorname gut: Wim, das ist wie ein knapp angeschlagenes Riff. Einen einst berühmten Showmaster gleichen Rufnamens kennen heute nur noch die Menschen, die mit dem Monopolfernsehen groß geworden sind.

          2019 zu einem Spiegelkabinett umgebaut

          In wenigen Wochen wird Wim Wenders fünfundsiebzig. Der Film, in dem er als „Desperado“ charakterisiert wird, ist ein Geburtstagsgeschenk, das ihm Eric Friedler und Andreas Frege bescheren. Letzteren kennt man besser unter seinem Alias Campino, er ist Sänger der Punkband „Die Toten Hosen“ und gelegentlicher Schauspieler, zum Beispiel in „Palermo Shooting“ (2008) von Wim Wenders. Auf dieses Frühspätwerk geht die Würdigung, die „Wim Wenders, Desperado“ vor allem ist, nur ganz am Rande ein. Das Hauptaugenmerk gilt der entscheidenden Periode im Schaffen: den Jahren 1978 bis 1984. Die Titel dieser Zeit gehören heute zum Kanon des Weltkinos: „Der amerikanische Freund“, „Der Stand der Dinge“, „Hammett“, „Paris, Texas“. Wenders lebte damals in Amerika, er arbeitete für Francis Ford Coppola, der gerade „Apocalypse Now“ fertigstellte und mit der Firma American Zoetrope an das klassische Hollywood anschließen wollte. Wenders sollte einen Film über den Schriftsteller Dashiel Hammett drehen, der zugleich ein Film aus dem Geist dieses Klassikers der amerikanischen „crime fiction“ sein sollte.

          In der Rekonstruktion der Schwierigkeiten, die dabei erwuchsen, nähert sich „Wim Wenders, Desperado“ am ehesten einer recherchierten Dokumentation, denn die Geschichte der Dreharbeiten wird zweimal erzählt: einmal von Coppola und einmal von Wenders. Die beiden Versionen kommen auch unter den Bedingungen freundlicher Diskretion nicht zur Deckung, der Dissens bleibt aber in wechselseitigem Wohlwollen aufgehoben. Coppola hatte ein Drehbuch vorbereitet, Wenders aber, mit der Darstellerin Ronee Blakley romantisch involviert, tat das, was er beim Erzählen für entscheidend hält: Er plante nicht vom beabsichtigten Ende her, sondern vertraute sich seinen Einfällen an. „Hammett“ wurde schließlich ohne Ronee Blakley fertiggestellt, und Wenders hatte das Gefühl, dass er zu seiner amerikanischen Mythologie noch nicht alles gesagt hatte.

          Als er dann einen Mann namens Travis auf den Weg nach Paris, Texas brachte (unter einem sehr großen Himmel), folgte er seinem Prinzip des offenen Erzählens so konsequent, dass sich alle Lücken in der Imagination wie von selbst beim Arbeiten schließen. Mit der heutigen Realisierung penibelst durchredigierter Drehbücher hatte das wenig zu tun, weswegen Donata Wenders auch anmerkt, dass in den letzten Jahren vor allem Dokumentarfilme ihrem Mann ein freudvolles Arbeiten beschert haben: mit „Buena Vista Social Club“ oder „Pina“ verhalf er der häufig als zweitrangig empfundenen Form zu neuem Prestige.

          Wim Wenders, Desperado“ schließt sehr direkt vom Autor auf die Filme von Wim Wenders. Immer wieder sieht man ihn in Einstellungen, in denen er an die Stelle seiner Schauspieler tritt, in denen er Posen und Gesten nachstellt, die er einmal inszeniert hat. In Wien trifft er in einer Straßenbahn auf Erika Pluhar, die einst in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ eine Kartenverkäuferin in einem Kino gespielt hatte. Sie erzählt, dass Wenders die Schauspieler eher machen lässt, er vertraut darauf, dass sie etwas einbringen, und verzichtet auf allzu konkrete Anweisungen. Vermutlich entsteht auf diese Weise jene „honest cinematic art“, die Coppola hervorhebt: Ein ehrlicher Künstler ist Wenders. Nach „Paris, Texas“ konnte er „guten Gewissens“ zurück nach Deutschland kommen, erzählt er – von allen Interviewpartnern des Films ist er selbst der wichtigste.

          Inzwischen ist sein Rang so unumstritten, dass man ihm in Paris im Grand Palais einen sehr großen Raum für eine Installation eingeräumt hat. Die Ausstellungshalle wurde 2019 zu einem Spiegelkabinett umgebaut, in dem er selbst den Himmel füllen konnte, mit seinen Engeln und mit den vielen Figuren, die in seinen Filmen meist unterwegs sind. Man sieht in „Wim Wenders, Desperado“, wie der Künstler und seine Frau sich von der Raumwirkung beeindruckt zeigen. Dann schaltet jemand Musik ein, und Donata Wenders beginnt ihren Mann spontan zu umtanzen. Er geht kurz darauf ein, mit seinem langen Mantel müsste er sich aber schon sehr offensiv bewegen, um nicht ungelenk auszusehen. Er lässt es lieber. Er ist für eine andere Art von Schritt gemacht: der vorsichtige Schritt auf unsicherem Terrain, mit den Füßen tastend, in der Hand einen Fotoapparat. So entstehen für Wim Wenders die Welten unter dem großen Himmel seiner Träume.

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