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Neue Leitung des Filmfests : Warum sich die Berlinale ändern muss

Bei der nächsten Berlinale muss sich einiges ändern. Bild: dpa

Cannes hat die Streamingdienste gerade abgewiesen, Berlin könnte ihnen ein eigenes Forum bieten. Aber dazu braucht es keine Schlagseite ins Populäre, sondern einen entschiedenen künstlerischen Willen.

          Das Gerücht ist seit drei Tagen in der Welt. Jetzt ist es auch wahr: Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Filmfestivals von Locarno, wird neuer Programmdirektor der Berlinale. Diese Entscheidung kommt keinen Augenblick zu früh. Im nächsten Frühjahr läuft der Vertrag des bisherigen Festivaldirektors Dieter Kosslick aus, für die Einarbeitung des neuen Leiters bleiben nur wenige Monate.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Deshalb vernimmt man mit gewisser Beunruhigung, dass die Kulturstaatsministerin mit Chatrian eine noch unspezifizierte „Vorbereitungszeit“ vereinbart hat. Konkret heißt das: Bei Veränderungen bitten wir um Geduld. Das werden die Kritiker des Festivals nicht gern hören. Aber vielleicht hat es mit der verlängerten Einarbeitung auch seine Richtigkeit, denn die Berlinale steht vor einer der einschneidendsten Verwandlungen ihrer Geschichte.

          Er habe in Locarno „einen besonderen Fokus auf noch unentdeckte Talente“ gelegt, hat Monika Grütters, die auch der Findungskommission vorstand, dem neuen Direktor bei seiner Vorstellung bescheinigt. Tatsächlich ist es Chatrian gelungen, den Wettbewerb und die Retrospektiven des Schweizer Festivals künstlerisch aufzuwerten, ohne seine Popularität beim Publikum auf der Piazza Grande zu schwächen.

          „Jünger, internationaler und experimentierfreudig“

          Diesen Trick soll er nun in Berlin wiederholen, wo die Piazza, die er bespielen muss, um ein Vielfaches größer ist. Sein Vorgänger Kosslick hat den Publikumserfolg über alles andere gestellt, ihm gelang es, die Besucherzahl auf eine halbe Million zu steigern. Aber Kosslick hat die Berlinale auch aufgeschwemmt, die Zahl der Sektionen hat sich unter seiner Ägide verdoppelt, ohne dass die Qualität im künstlerischen Kern des Festivals, dem Wettbewerb, mitgewachsen wäre.

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          Mit Chatrian soll das Festival nun „jünger, internationaler und experimentierfreudig“ werden, wie es heißt, ohne die zahlenden Kunden aus dem normalen Kinovolk zu vergraulen. Es ist so ungefähr die Quadratur des Kreises, die man von Chatrian erwartet, aber das Jonglieren mit Unmöglichkeiten gehört zum Alltag eines Festivalchefs. Der neue Mann dürfte deshalb ganz kurz oder sehr lange bleiben, je nachdem, wie seine Bilanz in zwei oder drei Jahren aussieht.

          Die zweite Entscheidung der Findungskommission kommt überraschend. Mariette Rissenbeek, die selbst Mitglied der Kommission war, wird Chatrian als Geschäftsführerin zur Seite gestellt. Rissenbeek, derzeit Chefin der Branchenauslandsvertretung German Films, bringt fraglos die nötige Management-Erfahrung mit; die Pointe an ihrer Berufung liegt aber darin, dass sie Chatrian, wie die Kulturstaatsministerin auf Nachfrage zugab, bei außerkünstlerischen Fragen im Zweifelsfall nicht nur gleichgestellt, sondern übergeordnet ist.

          „Vorbereitungszeit“ fürs Team

          Der neue Berlinale-Chef tritt also mit dem Handicap an, dass er die Auswahl der Filme, aber nicht den Rahmen bestimmen kann, in dem sie laufen. Diese Konstellation könnte rasch an ihre Grenzen stoßen, etwa dann, wenn es darum geht, den Wildwuchs der Festivalsektionen tatsächlich zu beenden und dabei auch schmerzhafte Personalentscheidungen zu treffen.

          Dass die Berlinale, die zuletzt wie ein havarierter Riesentanker allen möglichen Strömungen ausgeliefert schien, wieder eine klare Richtung benötigt, bezweifelt niemand. Aber es gibt genügend Stimmen, die gern den Status quo erhalten möchten, und sie könnten in der neuen Geschäftsführerin eine Ansprechpartnerin suchen. Die „Vorbereitungszeit“ dürfte also auch dazu dienen, aus den beiden Chefs ein echtes Team zu machen. Gelingt das nicht, ist es mit der neuen Leitung bald vorbei.

          Die Berlinale wurde im Zeichen des Kalten Krieges gegründet, und sie muss sich im Zeichen der Globalisierung wiedererfinden. Das gilt auch für die neuen digitalen Bilderströme. Cannes hat die Streamingdienste gerade abgewiesen, Berlin könnte ihnen ein eigenes Forum bieten. Aber dazu braucht es keine Schlagseite ins Populäre, sondern einen entschiedenen künstlerischen Willen. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Nach Chatrians Berufung ist es jetzt erst einmal eine Hoffnung.

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