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Filmfestspiele in Cannes : Sie glänzt im Schmuck der Tränen

  • -Aktualisiert am

Seydoux als Ehefrau eines Schiffskapitäns in Ildikó Enyedis Wettbewerbsbeitrag „A feleségem története“ (Die Geschichte meiner Frau). Bild: Filmfestival du Cannes

Untreue Frauen, mit Männeraugen gesehen: Die Schauspielerin Léa Seydoux ist im diesjährigen Festivalwettbewerb in zwei Romanverfilmungen vertreten. Es fehlt ihr nicht an Eleganz und Lässigkeit, den Filmen jedoch an Leidenschaft und Mut.

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          Léa Seydoux ist dieses Jahr der Star von Cannes. In drei Filmen des offiziellen Programms spielt die Französin die Hauptrolle, in einem vierten, Wes Andersons „French Dispatch“ (F.A.Z. vom 13. Juli), eine wichtige Nebenrolle. Wobei eine Hauptrolle keine Garantie für den besten Platz im Auge der Kamera ist. Wenn es schlecht läuft, wird auch die Heldin zum Objekt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Arnaud Desplechins Film „Tromperie“ (Täuschung), der in der Reihe „Cannes Prémière“ läuft, spielt Léa Seydoux die englische Geliebte des Schriftstellers Philip Roth. In seinem gleichnamigen Roman von 1990 hat Roth die Stationen seiner Liebesaffäre, die während eines längeren Aufenthalts in London begann und endete, in eine Folge von Bettgesprächen übersetzt, vom ersten Sex bis zum letzten Kuss. Desplechin, der seinen Film, wie er sagt, auch als Reaktion auf die Einschränkungen während des ersten Corona-Lockdowns gedreht hat, nimmt diese Kammerspiel-Situation beim Wort. Aber nicht ganz. Er lässt seine Figuren, den alternden Autor und die jüngere, in einer erkalteten Ehe gefangene Frau, nicht nur reden, sondern zeigt auch, wie sie sich auf der Straße begegnen. Er zeigt den Schriftsteller und seine Gattin, die er betrügt, im Schlafzimmer und beim Ehekrach, er schickt ihn nach New York, wo er seine krebskranke Ex-Frau und eine ehemalige Studentin trifft, und er hängt noch einen Epilog an, in dem sich die Liebenden über dem gedruckten Buch versöhnen. Aber der Film kommt trotzdem nicht von der Stelle.

          Eine Träne wie ein Ornament

          In „Tromperie“ rächt sich, dass das Kino, anders als die Literatur, seinen Figuren nicht in die Köpfe schauen kann. Es muss ihnen etwas zu tun geben, damit sie sich offenbaren. Desplechins Bemühungen, dieses Manko zu überspielen, machen es erst recht sichtbar. Auch ein Tischgespräch in New York bleibt ein Tischgespräch. Vielleicht hätte der Film sich ganz auf Roths perfekt choreographiertes Wortballett beschränken sollen. Doch dazu fehlte ihm offenbar der Mut.

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          Aber Léa Seydoux ist eine Augenweide in „Tromperie“: ihre Eleganz, ihre Lässigkeit, die fast kindliche Schönheit ihres Gesichts. Nur dass sie in ihrer Hauptrolle eben nicht die Hauptperson der Geschichte ist. Sie bleibt dem Blick des Schriftstellers (Denis Podalydès) ausgeliefert, den die Kamera verdoppelt. Über ihr Leben außerhalb der Affäre erfährt man praktisch nichts. Manchmal rinnt eine Träne über ihre Wangen, im Kino immer ein Zeichen, dass gerade etwas Wichtiges passiert. Hier wirkt es wie ein Ornament.

          Die Leidenschaft bleibt in Kostümen stecken

          Die Figur, die Seydoux in Ildikó Enyedis Wettbewerbsbeitrag „A feleségem története“ (Die Geschichte meiner Frau) verkörpert, könnte eine Doppelgängerin der Geliebten aus „Tromperie“ sein. Sie ist die Ehefrau eines Schiffskapitäns, der sie ohne viel Federlesens geheiratet hat, weil er eine Gefährtin für seine Landaufenthalte brauchte. Nach einer Weile fragt sich der Kapitän, ob Lizzy ihn womöglich betrügt. Was sonst, möchte man zurückfragen, denn Jakob Störr (Gijs Naber) wirkt selbst dann so amüsant wie ein Baumwollfrachter, wenn er nicht auf den Weltmeeren unterwegs ist. Weil aber auch dieser Film seine Frauengeschichte mit Männeraugen betrachtet, erscheint die Untreue der Seemannsgattin als unverzeihliche Charakterschwäche. Sie bricht dem braven Störr das Herz, auch wenn nicht er es ist, der am Ende stirbt, sondern sie.

          Szene aus dem Film „Die Geschichte meiner Frau“
          Szene aus dem Film „Die Geschichte meiner Frau“ : Bild: Filmfestival du Cannes

          „A feleségem története“ entstand nach einem Roman des ungarischen Autors Milán Füst, der 1942 erschien. Das Buch berühre „ganz direkt den Sinn des Lebens“, hat die Regisseurin zu ihrer Verfilmung erklärt, aber wer sich auf diesen Satz in den Bildern einen Reim machen will, ist bei Ildikó Enyedi verloren. „Die Geschichte meiner Frau“ erinnert eher an jene von allzu vielen Partnern finanzierten Koproduktionen, die man im alten Jahrhundert als Europudding bezeichnete. Von Menorca springt der Film nach Paris und weiter nach Hamburg, und mit jedem Ortswechsel verliert der Ehe-Clinch zwischen Mr. und Mrs. Störr ein Stück Bodenhaftung. Die Leidenschaft, die hier beschworen wird, bleibt in den Kostümen stecken, weil sie wie bei Arnaud Desplechin keinen Kontakt zur Außenwelt hat.

          Léa Seydoux aber wartet weiter auf ihren Triumph. Vielleicht klappt es ja mit der Rolle einer Kriegsreporterin in Bruno Dumonts Film „France“, der morgen auf dem Festival läuft. Oder im nächsten Jahr in Cannes.

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