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Vor der Verleihung 2021 : Warum die Oscars zur Trauerfeier werden könnten

In Los Angeles ist neben dem traditionellen Dolby Theatre in Hollywood erstmals das Bahnhofsgebäude Los Angeles Union Station als Bühne der Oscars geplant. Bild: dpa

Die diesjährigen Oscarnominierungen werden als „downer“ kritisiert. Dabei ist Diversität die Existenzgrundlage des Hollywoodkinos. Dem Kino selbst aber ging es noch nie so schlecht. Was gibt es am Sonntag also zu feiern?

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          Wenn am Sonntagabend pazifischer Zeit die Verleihung der Oscars gefeiert wird, in der Union Station, dem schönen Bahnhof am Rand von Downtown Los Angeles: Dann ist die entscheidende Frage ganz bestimmt nicht die, wer die wichtigsten Oscars gewinnen wird. Die Frage, die sich viel dringender stellt, ist die, ob es irgendetwas zu feiern gibt.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Alle Nominierten sind geladen, eine Begleitung ist erlaubt; dazu kommen ein paar Paten, Präsentatoren, die große Halle wird fast leer sein. Und diese Leere, so viel kann man jetzt schon sagen, wird das Thema und das Unglück dieser Oscar-Nacht. Womöglich war ja die Party im vergangenen Jahr, als der koreanische Film „Parasite“ die Oscars für den besten Film und die beste Inszenierung gewann und der Regisseur Bong Joon-ho auf Koreanisch eine kleine Dankesrede hielt, die von den Gästen euphorisch bejubelt wurde – womöglich war das schon die Abschiedsparty.

          Die wichtigsten Oscars für einen koreanischen Film, das zeigte nicht die Schwäche Hollywoods an. Es zeugte, ganz im Gegenteil, von dessen Anspruch, Hauptstadt nicht nur des amerikanischen, sondern des Kinos der ganzen Welt zu sein. Es war der 9. Februar, schon war das Virus angekommen in Amerika. Aber noch lag man sich in den Armen, küsste Wangen, saß so eng beieinander, wie man das auch im Kino tut.

          Sind die Filme zu selbstgefällig?

          Im Herbst 2017, im Jahr von Harvey Weinstein und Kevin Spacey, dem Jahr nach den Protesten von schwarzen Schauspielerinnen und Regisseuren gegen die weiße Dominanz bei den Oscar-Nominierungen, schrieb der britische „Guardian“, Hollywood wirke „verängstigt und verloren, treibt immer weiter ab in unbekannte Gewässer und hat dafür kein Drehbuch, keinen Regisseur, keine Ahnung, wo das alles enden wird“. Seither ist alles besser geworden. Und trotzdem ist nichts gut im Filmgeschäft.

          Denn einerseits sind die nominierten Filme und die nominierten Künstler, also zum Beispiel „Nomadland“, „Judas and the Black Messiah“ und „Promising Young Women“ oder Chadwick Boseman (der postum nominiert ist), Andra Day (die Billie Holiday spielt) und Steven Yeun, einerseits sind sie alle so divers und gendermäßig ausgewogen, dass der Fernsehspötter Bill Maher gar nicht anders konnte, als die Auswahl als „woke und moralisch selbstgefällig“ zu beschimpfen; „downers“ seien die Filme, nur dazu gut, dass die Zuschauer sich am Ende „schuldig, schmutzig und schlecht“ fühlten.

          Hollywood musste sich ändern, um verstanden zu werden

          Wobei dieser oft ganz lustige alte weiße Mann leider übersehen hat, dass diese Diversität den Filmen nicht von verstockten, identitätspolitisch aufgeheizten Aktivisten aufgezwungen worden ist. Diversität ist die eigentliche Bestimmung und Existenzgrundlage des Hollywoodkinos. Mag schon sein, dass amerikanische Filme in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts auch den Zuschauern in Little Italy, in Koreatown und den Schwarzenvierteln der großen Städte weismachen konnte, dass sich alle wesentlichen Dramen und Komödien nur zwischen weißen Menschen nordeuropäischer Herkunft abspielten.

          Wichtig daran ist, dass Hollywood dort unbedingt verstanden werden wollte, weil es dann auch in Südeuropa, in Asien, auf der ganzen Welt verstanden wurde. Und als die Menschen dort ihresgleichen sehen wollten, mussten die Filme eben anders werden. Die Diversität der oscarnominierten Filme und Schauspieler in diesem Jahr ist kein Bruch mit der Tradition, sondern die Konsequenz einer Entwicklung, die vielleicht schon 1959, mit John Cassavetes’ „Shadows“ begonnen hat.

          Oscar-Statuen, frisch poliert
          Oscar-Statuen, frisch poliert : Bild: dpa

          Nur dass, andererseits, das Filmegucken eine soziale Praxis ist: Wenn man, emotional durchgerüttelt, intellektuell herausgefordert oder mimetisch inspiriert, aus dem Kino anders herauskommt, als man hineingegangen ist: Dann hat das auch damit zu tun, dass der geteilte Schrecken, die gemeinsam erlebte Rührung, das Glück der vielen Blicke auf dieselbe Leinwand das Wesen des Kinos sind.

          Genau das ist jetzt weitgehend abgeschafft. Die Menschen gewöhnen sich daran, Filme oder Serien allein oder im engsten Kreis zu sehen, kaufen sich bessere Geräte, abonnieren noch einen Streamingdienst – und der Albtraum Hollywoods ist der, dass diese Menschen nie mehr in die Kinos zurückkehren werden.

          Die finanziellen Verluste des Corona-Jahrs waren ungeheuer. Den Verlust des Publikums kann Hollywood nicht verkraften. Drei der acht Filme, die für die beste Produktion nominiert sind, gab es im Stream zu sehen. Das wird so weitergehen. Man muss fürchten, dass es am Sonntag eine Trauerfeier wird.

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