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„Bis dann, mein Sohn“ im Kino : Das ganze Leben in einem Moment

Der Freiraum, in dem sich Überlebende der großen Politik ihre Geschichten erzählen können, ist selbst zutiefst politisch – Wang Xiaoshuai gestaltet ihn als Kunst. Bild: Piffl Medien

Eine chinesische Familiengeschichte malt das alltägliche Porträt einer tragischen Epoche: Wang Xiaoshuais Film „Bis dann, mein Sohn“ ist ein Meisterwerk des epischen Kinos.

          4 Min.

          Politisches Kino hatte nie eine gute Presse. Es gilt als verkopft, konstruiert, als Kunst im Dienst fremder Zwecke, also keine Kunst. Erst recht gilt das für Filme, die das Politische in klassische Erzählformen zu fassen versuchen, etwa das Familiendrama. Die Anstrengung, die ein Drehbuchautor oder Regisseur unternimmt, um allgemeine Zustände in einer besonderen Geschichte abzubilden, wird ihm als Verzerrung angekreidet.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Einer Dokumentation gesteht man zu, aus der Menge der Beispiele, die sie zeigen könnte, die sprechendsten auszuwählen; einer filmischen Fiktion wird ebendies routinemäßig vorgehalten. Aber dieser kritische Reflex ist so falsch wie der Affekt gegen die Gefühlsdramaturgie der Familienfilme. Er geht an einer elementaren Möglichkeit des Kinos vorbei: anschaulich zu machen, was sich hinter den Begriffen und Statistiken der Geschichtsbücher verbirgt.

          Dies ist die Geschichte eines alternden Paares, das in einer Hafenstadt der chinesischen Küstenprovinz Fujian lebt, Liyun und Yaojun. Yaojun, der Mann, betreibt eine kleine Bootswerkstatt, Liyun führt den Haushalt in einem kärglichen Holzhaus am Meer. Sie haben einen Sohn, Liu Xing, der gerade in die Pubertät kommt und entsprechend aufmüpfig ist, er hängt vor seinem Smartphone, schwänzt die Schule, treibt sich im Hafen herum.

          Als er wegen eines Diebstahls von der Schule verwiesen werden soll, rennt er von zu Hause fort. Am nächsten Tag steht die Werkstatt seiner Eltern nach einem Wolkenbruch unter Wasser. Liyun rettet ein altes Familienfoto aus den Fluten. Es zeigt Yaojun und sie mit einem anderen Kind.

          Ende einer Kindheit

          Das ist die Gegenwart der Geschichte, ihre Vorderseite. Auf ihrer Rückseite liegt eine Tragödie, die an einem weit entfernten Ort spielt, einer Industriestadt im Norden Chinas in den achtziger Jahren. In den ersten Bildern des Films sieht man, wie zwei Jungen am Fluss spielen, einer will ins Wasser, der andere nicht. Als es dem Mutigeren nicht gelingt, seinen schüchternen Freund zu überreden, droht er ihm: „Dann bleibst du allein.“

          Später erfahren wir, dass dies Xingxing und Haohao sind, der eine der Sohn von Liyun und Yaojun, der andere das Kind ihrer besten Freunde, die wie sie in der Maschinenfabrik beschäftigt sind und mit denen sie Tür an Tür in einer Wohnbaracke der Arbeitersiedlung leben. Aber da ist das Unglück schon geschehen. In einer zweiten Rückblende sitzt Haohao nackt und frierend auf einem Hügel über dem Fluss, während hinter ihm, in der grauen Tiefe des Bildes, der Körper seines Freundes aus dem Wasser gezogen wird. Ende einer Kindheit.

          Die dritte Rückblende führt noch weiter in die Vergangenheit zurück. Ende der siebziger Jahre herrscht in China die Ein-Kind-Politik. Damit der Bevölkerungszuwachs gestoppt wird, dürfen Ehepaare nur noch ein Kind bekommen. Aber Liyun wird ein zweites Mal schwanger. Haiyan, die Mutter von Haohao, ist die Beauftragte für Geburtenkontrolle in der Fabrik. Sie zwingt ihre Freundin, das Kind abzutreiben. Liyun wird in einen Krankenwagen gestoßen, und als ihr Mann auf dem Krankenhausflur auf sie wartet, erfährt er, dass sie einen Blutsturz hatte. Sie wird nie wieder ein Kind bekommen.

          Wechsel von Liberalisierung zur Repression

          Wang Xiaoshuai, der Regisseur dieses Films, gehört zur sogenannten sechsten Generation des Kinos in China – im Unterschied zur fünften, deren Karrieren, wie die von Chen Kaige und Zhang Yimou, vor dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz begonnen haben. Der Unterschied ist ein entscheidender, denn er markiert einen Wechsel von der Liberalisierung zur Repression. Sowohl Wang Xiaoshuai als auch der etwas jüngere Jia Zhangke haben ihre ersten Filme in ständigem Ringen mit der Zensur produziert.

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