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Berlinale : Die erste Überraschung im Wettbewerb

Nicht zu fesselnde, nicht zu zähmende Energie: Helena Zengel in Nora Fingscheidts Wettbewerbsbeitrag „Systemsprenger“ Bild: kineo/Weydemann Bros/Yunus Roy Imer/EPA-EFE/REX

Schaut auf diese Kinder: François Ozon gibt Missbrauchsopfern eines Priesters eine Stimme, Wang Quan’an der mongolischen Weite und Nora Fingscheidt einer Achtjährigen außer sich.

          Ist es wirklich so, oder kommt es einem nur so vor, als käme eine Berlinale durchaus ohne einen amerikanischen Beitrag aus, aber nicht ohne einen aus Kasachstan, Usbekistan oder der Mongolei? Der Mongole Wang Quan’an hat das Seine zu diesem Eindruck beigetragen. 2007 gewann er den Goldenen Bären für „Tuyas Hochzeit“, 2010 einen Silbernen für „Tuan Tuan“, und 2012 noch einen Silbernen für „Bai Lu“. In den Jahren ohne einen Film von Wang Quan’an haben andere Regisseure mit einer Vorliebe für weite Landschaften mit nicht viel darin und dick vermummte Menschen, die wenig sagen, die Stellung gehalten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt ist Wang Quan’an wieder da. Sein Film heißt „Öndög“, was „Dinosaurierei“ bedeuten soll, und für eine gute halbe Stunde entfaltet er einen Bildwitz, der gerade nach dem Eröffnungsfilm mit seiner Optik aus dem Automaten hochwillkommen war. Durch die mongolische Weite fährt ein Auto mit Suchscheinwerfer, in deren Licht immer wieder (computergenerierte?) Pferdeherden auftauchen und wieder verschwinden, während sich die Polizisten im Wagen über Belanglosigkeiten unterhalten, bis sie auf eine nackte Frauenleiche stoßen und einer von ihnen abgestellt wird, sie zu bewachen. Die Kamera schwenkt hin und her, von ganz rechts in der leeren Landschaft über das Leichenbündel nach ganz links und zurück, in der Mitte der einfältige Polizist, der seine Playlist abspielt und tänzerische Gymnastik betreibt, um nicht zu erfrieren. Man hätte dem noch lange zuschauen mögen, auch ohne die Geschichte, die sich dann mit den vermummten Figuren entfaltet. Von fern erinnerte das an „Fargo“, bis es dann doch in die Jurte geht, ein Lamm geschlachtet und ein Kalb geboren werden und eine Hirtin ansagt, was gemacht wird. Großes Bilderkino war das und eine Möglichkeit, die Leinwand gegen das Smartphone zu verteidigen.

          Hochwillkommener Bildwitz: Szene aus „Öndög“ von Wang Quan’an

          François Ozon hingegen hat seinen Film über den Missbrauchsskandal in der Lyoner Diözese der katholischen Kirche visuell unaufgeregt, fast unambitioniert gehalten. Er wollte sich ganz auf die Opfer konzentrieren, ihnen zuhören, ihre Stimmen hörbar machen, nachvollziehen, wie sie nach missbräuchlichen sexuellen Begegnungen ihr Leben eingerichtet haben und ob ihnen das gelungen ist. Seine Kunst zeigt er vor allem darin, wie er die Geschichte von drei verschiedenen Figuren aus erzählt und fließend von einem Protagonisten zum anderen wechselt. Ansonsten hält er sich im Hintergrund und beobachtet seine Darsteller, die reale Texte der Opfer sprechen.

          Mehr als eine Überraschung: Helena Zengel in einer Szene aus „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt

          Grâce à Dieu – Gott sei Dank – , das war die Reaktion von Philippe Barbarin, Kardinal von Lyon, als er hörte, die Taten, die dem Lyoneser Priester Bernard Preynat zur Last gelegt wurden, seien verjährt. Dieser soll sich in den Jahren von 1986 bis 1991 in mehr als siebzig Fällen sexueller Übergriffe schuldig gemacht haben, und zwar vor allem an von ihm betreuten Pfadfindern. Einige seiner erwachsenen Opfer haben die Vereinigung „La Parole Libérée“ gegründet, um endlich zu sprechen und anderen Opfern zu ermöglichen, ihr Schweigen zu brechen. Und um Preynat und möglichst auch die, die ihn und seine Taten deckten, vor Gericht und hinter Gitter zu bringen. Der Abspann von Ozons Film „Grâce à Dieu“ informiert darüber, dass dies bisher nicht geschehen ist.

          Tom McCarthy hat vor einigen Jahren mit „Spotlight“ vorgeführt, wie aus diesem Stoff ein Spielfilm werden kann, der sowohl seiner Kunst wie dem Leiden der Menschen, die er porträtiert, gerecht werden kann – indem er die Geschichte aus Sicht der Journalisten des „Boston Globe“ erzählte, die den Fall aufdeckten. Ozon hat die Innenperspektive gewählt und auf die dokumentarische Wucht des Themas vertraut. Das war Kino als Medium zur Schaffung von Öffentlichkeit.

          Die Überraschung aber war der Film von Nora Fingscheidt, „Systemsprenger“. Überraschung nicht nur, weil es sich um ihr Langspieldebüt handelt, sondern weil sie selbst die Erwartungen niedrig gehalten hatte. Sie habe, erzählte sie, den Film gedreht, um für Kinder wie ihre Hauptfigur Bennie Verständnis zu wecken. Als poetisches Konzept taugt dieser Satz nicht, vielmehr ließ er einen Film befürchten, der Fragen stellt, die das Kino nicht beantworten kann. Was dann aber auf der Leinwand passierte und die Geräusche und die hämmernden Rhythmen der Musik, die über den Zuschauersaal hereinbrachen, war kein Sozialdrama (obwohl die Geschichte der verlassenen und unkontrollierbaren Bennie ein soziales Drama ist), sondern Körperkino. Die nicht zu fesselnde, nicht zu zähmende Energie dieser Achtjährigen, die nach ihrer Mutter schreit und aus allen Pflegeeinrichtungen und Schulen herausfliegt, weil sie schlägt und brüllt und wegläuft, sie findet ihr Ventil auf der Leinwand. Helena Zengel spielt diese Bennie, und sie behält bis zum Schluss ihre Autonomie. Das war mehr als eine Überraschung, das grenzte an ein Wunder.

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