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Vor der Oscar-Verleihung : Es sind nun mal unsere besten Filme

Kurz vor der Oscar-Verleihung zeichnen sich die Frontlinien klar ab. „Slumdog Millionär“ und „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ konkurrieren um den Titel des besten Films. Kate Winslet scheint über alle Zweifel erhaben. Und doch wird dieser Oscar-Jahrgang kaum Geschichte machen.

          Peter Bart ist kein Mann, der zum Apokalyptischen neigt. Er ist 76, immer noch Chefredakteur des mächtigen Branchenblatts „Variety“, er hat vor mehr als dreißig Jahren die Paramount Studios geleitet, und er glaubt an Hollywood. Wenn Bart jetzt in der amerikanischen Ausgabe von „Vanity Fair“ auf einmal von Hollywoods Krisensymptomen spricht, von mangelnder Leidenschaft bei der Vermarktung und der Entwicklung von Filmen, von den schrumpfenden Anzeigen-, Kampagnen- und Party-Etats bei den Oscars, wenn er das diesjährige Oscar-Rennen sogar als ein „Nicht-Rennen“ bezeichnet, dann ist die Lage womöglich wirklich ernst.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Obwohl die Filme, die heute um die Oscars konkurrieren, lange vor der Krise gemacht wurden und ihre Einspielergebnisse nicht von ihr betroffen sind, so ist es doch ein Jahr, in dem nicht gerade viel Feuer, Begeisterung oder Aufregung herrschen. Die Wetten auf den Ausgang sind eindeutig wie selten. Die Prognosen, die sich darin ausdrücken, mögen zwar nicht wasserdicht sein, weil die Academy-Mitglieder ja nicht für den wahrscheinlichsten Sieger stimmen, sondern für den Kandidaten, den sie für den besten halten, aber die Tendenz ist klar: Entweder „Slumdog Millionär“, das Quiz- und Ghetto-Märchen aus Mumbai, das der Brite Danny Boyle inszeniert hat, oder „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, in dem David Fincher den Zeitpfeil umkehrt und einen Greis jung werden lässt, wird das Rennen machen; und derjenige von den beiden, der zum besten Film gekürt wird, der wird auch in den übrigen neun beziehungsweise zwölf Kategorien abräumen, in denen er jeweils auftaucht. Für „Milk“, „Frost/Nixon“ und „Der Vorleser“ bleibt da nicht viel.

          Kein geschichtsträchtiger Jahrgang

          Noch klarer ist der Fall bei den besten Darstellern. Niemand zweifelt am Sieg von Kate Winslet, auch wenn man sie lieber für „Zeiten des Aufbruchs“ als für den zähen und kitschigen „Vorleser“ nominiert gesehen hätte. Bei den Herren läuft es auf den Zweikampf Sean Penn („Milk“) gegen Mickey Rourke („The Wrestler“) hinaus, wobei letzterer der Wettfavorit ist; und wer auf Heath Ledger (postum nominiert für die beste Nebenrolle in „The Dark Knight“) setzt, bekäme beim Buchmacher „centrebet“ gerade mal 55 Cent für zehn Dollar Einsatz. Mit Penélope Cruz als bester Nebendarstellerin („Vicky Cristina Barcelona“) würde man allerdings auch nicht reich.

          Sean Penn spielt Harvey Milk, den frühen Vorkämpfer der Homosexuellen-Bewegung

          Um den deutschen Beitrag in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ steht es an der Wettbörse nicht allzu gut. Dem „Baader-Meinhof-Komplex“ werden kaum Chancen eingeräumt, „Waltz with Bashir“ liegt klar vorn, und wenn man im Zusammenhang mit den Oscars dann doch mal den Begriff Gerechtigkeit strapazieren wollte, müsste eigentlich Götz Spielmanns „Revanche“ gewinnen. Aber Gerechtigkeit gehört nicht nach Hollywood, auch nicht zu den Oscars, Wahrscheinlichkeit schon eher. Und Gewissheit herrscht bloß darüber, dass dieser Oscar-Jahrgang wohl kaum Geschichte machen wird.

          Eine zwiespältige Branche

          „Warum haben wir heute keine besseren Filme?“, fragt Peter Bart daher ein wenig hilflos. Das klingt nach der üblichen Litanei, die in schwächeren Jahren regelmäßig angestimmt wird, weil auch Barts Diagnose, die Branche sei gespalten in einen Blockbuster- und einen Arthouse-Sektor, nun nicht gerade frisch ist. Bevor man sich daher, wie Bart und einige seiner Gewährsleute, ausgerechnet von der tiefsten Krise die Rettung erhofft und sich diese Rettung als eine Art Remake der Sixties vorstellt, sollte man sich vielleicht bei aller Nostalgie daran erinnern, was nach dem schönen anarchischen Intermezzo von New Hollywood kam: die Herrschaft der großen Konzerne mit ihren Blockbustern und das Independent-Kino.

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