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Film „Von Bienen und Blumen“ : Darum ist es auf dem Land so schön

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„Von Bienen und Blumen“: Die Filmemacherin Lola Randl hat selbst in der Uckermark ihr Glück gefunden. Bild: Filmverleih Zorro

Die Uckermark als Idealgesellschaft des modernen Stadtmenschen: Der Film „Von Bienen und Blumen“ erzählt die Geschichte von Lola Randl, die auf fernab der Großstadt Abenteuer, Utopien und Liebe sucht.

          Von Berlin in die Uckermark führen eine Autobahn, eine Landstraße und eine Bahn. Irgendwo unterwegs müsste eigentlich ein Schild stehen, auf dem einfach „Natur“ zu lesen ist. W-Lan sollte es allerdings doch geben in der Welt, in der alles anders sein soll als im Dickicht der Stadt – das in Berlin allerdings auch ganz schön aufgelockert und grün ist. Und es gibt sogar Honig aus Neukölln.

          Die Filmemacherin und Autorin Lola Randl macht Honig in der Uckermark. Und das ist nur ein ganz kleiner Teil eines Modellprojekts: Der Film „Von Bienen und Blumen“, der vom Leben in der dörflichen Natur berichtet, lässt erkennen, dass da jemand lebensweltlich aufs Ganze geht. Also all die Widersprüche zu überwinden versucht, um die eine moderne Existenz nun einmal nicht umhinkommt.

          Dieses beruht auf Entscheidungen, die nach Möglichkeit revidierbar sein sollten oder aufhebbar. Zum Beispiel ist es für viele Menschen, auch für Lola Randl, praktischer, in einer Stadt zu wohnen. Das Land oder das Dorf wird dann als Zweitwohnsitz als permanente Möglichkeit der Umkehrung der Prioritäten mitgeführt: „Irgendwann bleib i dann durt“, sang einst eine österreichische Combo, sie meinte das Urlaubsland Griechenland als Lebensziel.

          Von natürlichen und kulturellen Utopien

          Lola Randl bewohnt in der Uckermark ein Haus, in dem viel Platz und an dem noch viel mehr zu tun ist. Von diesem Versuch einer Teil-Robinsonade hat sie schon in einer Fernsehserie („Landschwärmer“) und in einem Buch („Der große Garten“) berichtet. An Robinson könnte man denken, weil auch Lola Randl auf einer Art Insel von dem leben will, was die Gegend hergibt. Allerdings gibt es hier keine Freitags, auch keine Palisaden, in die Autarkie mischt sich Szenevolk aus Berlin, und die lokale Bevölkerung lebt auch nicht hinterm Mond.

          Der Versuch, das Leben zu einer mutmaßlichen Ursprünglichkeit zurückzuführen, beginnt zuerst einmal beim Essen. Die Steigerung von „regional“ bei Produkten wäre „lokal“, und dann kommt auch schon der eigene Garten. Ein Gemüseauflauf macht auch theoretisch wenig Probleme, bei einem Burger ist das schon anders. Ein anglophoner Freund von Lola Randl lässt sich ein schönes Stück saftiges Rindfleisch im Brötchen schmecken, und findet: „Nature is the opposite of vegan.“ Natur ist also nicht nur das andere der Kultur, sondern auch eine Widerlegung neuerer populärer Ernährungsdogmen.

          In England hat der Fernsehkoch Hugh Fearnley-Whittingstall über viele Saisons vorgemacht, was es heißt, „off the land“ zu leben. Seine Aussteigergeschichte, die ihn zu einem idyllischen River Cottage im Südwesten geführt hat, ist die Matrix, zu der Lola Randl nun eine Version vorlegt, die sich ausdrücklicher mit den Aspekten des Utopischen beschäftigt. Denn das einfache Leben erweist sich als ganz schön aufwendig, und der wichtigste Dünger bei allen Tätigkeiten ist Ironie: Wenn man sich selbst dabei sehr ernst nehmen würde, was man da mit Mutter Erde gerade so anstellt, müsste man wohl bald die Harke hinschmeißen.

          Neben dem Essen (große Töpfe, lange Tafeln) tauchen auch noch weitere Aspekte des Paradiesischen oder Idealgesellschaftlichen auf. Lola Randl liebt nämlich offensichtlich zwei Männer, mit einem ist sie zusammen, mit dem anderen auch, aber anders. Die Angelegenheit muss gelöst werden, eine Paartherapie hilft nicht wirklich, die Männer müssen auch etwas unter sich ausmachen. Ein Blick aufs Gesellschaftssystem der Bienen hilft nicht weiter, und auch die Seifenoper, die eine der Frauen im Dorf genau verfolgt, weiß nichts Konkretes. Die Sache löst sich auf in etwas wie ein neues Gleichgewicht. Das tut die Natur oft, und die Kultur macht es ihr nach.

          Versuch eines richtigen Lebens im nicht unbedingt falschen

          Der Film stößt hier an Grenzen der Diskretion. Es soll ja nicht um eine persönliche Preisgabe gehen, sondern um eine Fallgeschichte. Die Objektivierung des eigenen Tuns führt allerdings zu einer Idee, die „Von Bienen und Blumen“ beinahe ein wenig überstrapaziert: Eine Soziologin versieht das Beobachtete mit Begriffen.

          „Der Projektmensch“, „der sinnsuchende Mensch“, „der postkapitalistische Stadtmensch“, „der visionäre Städter“, „das digitale Individuum“, das alles sind die Menschen, die hier in der Uckermark im Schweiße ihres Angesichts Knollen fördern wollen. Gelegentlich stimmen sie dazu Gesänge aus transatlantischen Pionierzusammenhängen an, oder es lässt jemand ein elektronisches Gerät fiepen – die Berliner Clubkultur ist im Film immer präsent, man bekommt sogar manchmal den Eindruck, bei einem großen Chill-out dabei zu sein.

          Sinn stellt sich in so einer Welt momenthaft ein. Wenn ein Sonnenstrahl auf eine Blume trifft, die schon Besuch von einer Biene hatte, und wenn dann gerade eine Kamera dabei ist, ließe sich vielleicht vom Vorschein einer Utopie sprechen. Als Vorstellung muss sich diese Utopie vor zweihundert Jahren ergeben haben, in den Geschichten von Eichendorff oder vielleicht sogar in der Prä-Bobo-Parkplanwirtschaft in Goethes „Wahlverwandtschaften“.

          Dort fände sich wohl ein passenderer Referenzraum für Lola Randls Versuch eines richtigen Lebens im nicht unbedingt falschen, aber tendenziell überladenen Bewusstsein. „Von Bienen und Blumen“ ist ein Versuch, in diesem Bewusstsein einmal ein wenig Kehraus zu machen. Gegen die unausweichlichen Reflexionsschleifen ist jede Mehrfelderwirtschaft ein Labsal.

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