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„Die Känguruchroniken“ im Kino : Neueste Beuteldeutereien

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Kling spielt die zweite Geige, es ist das Känguru, das sich mit seiner schrillen Stimme nach vorne drängt, das bürgerliche Zurückhaltung nicht kennt. Bild: X-Filme/X-Verleih

Als Bücher zum Lesen und zum Hören sind „Die Känguru-Chroniken“ riesige Erfolge. Jetzt hat Dani Levy den anarchischen Spaß verfilmt – funktioniert das im Kino?

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          Bei der Wahl des Haustieres sind die meisten Menschen konventionell. Ein Hund oder eine Katze, ab und zu mal ein Sittich oder ein Meerschweinchen, und bei vielen natürlich: Nicht die Bohne kommt mir ein Vieh in Haus. Was die Natur sonst noch so an Gehoppel und Gepoppel anzubieten hat, ist dann schon etwas für Eigenbrötler oder Exzentriker. Und dann gibt es auch Menschen, die sich ihr signifikantes Anderes aus dem Tierreich nicht aussuchen. Sie geraten an eines. So ein Fall ist Marc-Uwe Kling. Bei ihm klingelt eines Tages ein Känguru, das nach zwei Eiern fragt, zum Zweck der Herstellung eines Eierkuchens, für den es dem Känguru dann auch noch an Salz, einem Schneebesen und recht besehen auch einem Herd mangelt. So schnell läuft es selbst unter Wesen, die füreinander bestimmt sind, selten auf eine Wohngemeinschaft und auf Lebensmittelkommunismus hinaus.

          Der Kleinkünstler Marc-Uwe Kling, der alles sein möchte, nur kein Kleinkünstler, und das Känguru, bei dem die Gattungsbezeichung als Name reichen mag, denn so viele linksradikale, eierkuchenbackende Beuteltiere gibt es in Kreuzberg ja nicht, sie sind jetzt schon eine Weile ein Paar und ein Phänomen. Kling spielt dabei bewusst oder notgedrungen die zweite Geige, es ist das Känguru, das sich mit seiner schrillen Stimme nach vorne drängt, das bürgerliche Zurückhaltung nicht kennt, sondern im Gegenteil jede Zensur radikal ablehnt, in erster Linie die Selbstzensur. In einer Redensart im Englischen steht der Elefant im Zimmer für all das, was niemand aussprechen möchte, was aber unübersehbar ist. Das Känguru ist ein Verwandter aller dieser Elefanten, nur deutlich beweglicher. Es legt sich ungern fest, außer auf das Gegenteil dessen, was Marc-Uwe Kling gerade gesagt hat.

          Auf allen Plattformen präsent

          In den siebziger Jahren trat in der Rudi Carrell Show einmal der Bauchredner Rod Hull mit seinem Emu auf, ein Mann im Tropenanzug, aus dessen rechtem Arm ein Vogel hervorging, der überall zuschnappte, wo er nicht durfte. Hull war einer der bekanntesten Vertreter einer Zunft, die im Grunde noch zum Varieté gehörte, die dann aber in der Fernsehunterhaltung ein neues Betätigungsfeld fand. Marc-Uwe Kling ist so etwas wie der Rod Hull der beschleunigten Mediengegenwart. Mit seinem Känguru hat er sich eine Stimme verschafft, mit der er auf allen möglichen Plattformen inzwischen schon mehr als zehn Jahre höchst präsent ist: mit Podcasts, auf Lesebühnen, in Buchform, also alles im Grunde Kleinkunst, wenngleich kommerziell in den höchsten Umlaufbahnen.

          Das Känguru wird man nicht mehr so leicht los, wenn man es einmal gehört hat. Es ist die schiere Zudringlichkeit, und dabei auch viel mehr als ein Haustier, denn Haustiere sind domestiziert, während das Känguru die freie Wildbahn seines ungezähmten Sprechens in die Küche von Marc-Uwe Kling verlegt hat. Da Kling aber nun einmal der Autor ist, und das Känguru an seinen Stimmbändern hängt, kann man ihn nicht nur als Bauchredner verstehen, sondern auch als Entfesselungskünstler. Das Känguru gönnt sich alles das, wozu ein Kleinkünstler nicht den Mut hat. Es ist das Unbewusste mit Fell und Beutel, und es macht deutlich: der Trieb ist links.

          Dani Levy gibt sich redlich Mühe mit der Inszenierung

          Dani Levy hat nun den logischen nächsten Schritt gemacht und „Die Känguru-Chroniken“, das Buch, in dem die WG gegründet wurde, für das Kino verfilmt. Dabei war vor allem eine Frage zu klären: wie soll es aussehen? Zwar fand sich auf dem Cover des Buches eine Aufnahme von einem Känguru neben drei Passbildern des Autors, aber das war eher eine ironische Konzession. Bisher war das Känguru vor allem auch ein Akt der Evokation, eine Kreatur, die im Grunde aus nichts anderem bestand als einem ligamentalen Umschwung im Inneren von Marc-Uwe Kling. 

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