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„Zodiac - die Spur des Killers“ : Die Schrecken der Implosion

Bild: Warner

„Zodiac - Die Spur des Killers“ ist wahrscheinlich der subtilste Film, den David Fincher gedreht hat. Mit eisiger Kälte erzählt der Regisseur die wahre Geschichte eines Serienmörders, der nie gefasst wurde - und hinterlässt ein großes Rätsel.

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          Was ein Bild im Kino bedeutet, erklärt das nächste Bild. Erst ein Gesicht, dann ein Teller Suppe - und jeder wird aus diesem Gesicht ein Hungergefühl herauslesen. Folgt auf das Gesicht das Bild eines Sarges oder eines kleinen Mädchens, denkt man an Trauer oder Zuneigung. Das ist der Kuleschow-Effekt, benannt nach dem sowjetischen Regisseur, der vor fast achtzig Jahren die Wirkung der Montage erforschte, und er funktioniert im Prinzip noch immer, weil in der Wahrnehmung der bewegten Bilder alles von dem abhängt, was wir zu wissen glauben.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In „Zodiac“ fährt in den ersten Bildern ein Auto eine nächtliche Straße entlang, und wir blicken mit der Kamera durchs Beifahrerfenster. Es ist der 4. Juli 1969, der amerikanische Nationalfeiertag, Feuerwerkskörper erleuchten den Himmel, Menschen lärmen in den Vorgärten, und wenn man auch nicht viel mehr weiß, als dass es sich um einen Film von David Fincher handelt, so liegt über dieser Szene doch das Flair des Unheimlichen. Dann steigt ein junger Mann in das Auto, er fährt mit der jungen Frau, die am Steuer sitzt, auf einen einsamen Parkplatz, und man weiß, dass etwas passieren wird, etwas anderes als ein hastiges Petting. Die Frau wird erschossen, von einem Mann, dessen Gesicht nicht zu erkennen ist, der Junge überlebt, schwer verwundet.

          Der Fincher-Effekt

          Das ist die zweite Tat des Killers, der sich selbst „Zodiac“ nannte. Und was man in diesen ersten Sekunden gesehen hat, das ist so etwas wie der Fincher-Effekt. Er macht sich unseren konditionierten Blick zunutze, er führt ihn in die Irre und gibt ihm doch recht. Es war nicht der Blick des Killers - und doch endet die Sequenz tödlich. In „Zodiac“ dreht sich alles um solche Konditionierungen, um Täuschungen und Enttäuschungen, um Schein und Wahrscheinlichkeit, und es ist David Finchers bislang subtilster Film, weil er nicht einfach die Muskeln spielen lässt, weil er nicht einfach Thrill erzeugt und mit den Erwartungen der Zuschauer spielt, wie er das in „Seven“ getan hat oder in „Fight Club“, der mittendrin den ersten Teil der Story als eine Halluzination des Helden erscheinen ließ.

          „Zodiac“ ist die Geschichte einer Ermittlung und damit die Geschichte einer Obsession; aber nicht der Obsession eines Killers, der am Ende zur Strecke gebracht würde. Es ist ein Dokudrama über die Jagd auf einen Serienmörder, der längst seinen Platz in der populären Mythologie Amerikas hat. „Das Erstaunliche an Zodiac“, hat Fincher in einem Interview gesagt, „ist nicht, was er getan hat, sondern welchen Hype er veranstaltet hat.“ Zodiac ist ein Medienprodukt, weil er in seinem Geltungsdrang die Medienöffentlichkeit suchte, weil er als Mörder zugleich ein Star sein wollte und in einem Bekennerschreiben fragte: „Ich warte auf einen guten Film über mich. Wer wird mich spielen?“

          Wuchs in der Bay Area auf

          Vielleicht hat David Fincher, der zu Zeiten des Zodiac-Killers in der Bay Area aufwuchs, rund um San Francisco, wo Zodiac seine blutige Spur hinterließ, vielleicht hat der 44-Jährige auch ein wenig daran geglaubt, durch die akribische Rekonstruktion der Ermittlungen den Mörder doch noch zu überführen. Immerhin gibt es ja einen Dokumentarfilm von Errol Morris, „The Thin Blue Line“ (1988), der den Weg eines Mannes in die Todeszelle minutiös nachzeichnete - mit dem Ergebnis, dass der ganze Fall noch einmal aufgerollt und ein Justizirrtum aufgeklärt wurde.

          In seinem Zugriff zumindest ist Fincher näher an der Dokumentation als an einem Roman wie James Ellroys „Schwarze Dahlie“ (und dessen Verfilmung durch Brian De Palma). So besessen war Ellroy von dem ungelösten Mordfall aus dem Jahr 1947, dass er ihn zumindest in der Fiktion aufklären musste. Das ist natürlich legitim, aber Finchers Obsession ist anderer Art. Sein Film stützt sich auf zwei Bücher von Robert Graysmith, der damals Karikaturist beim „San Francisco Chronicle“ war; zunächst ein neugieriger Zaungast des Geschehens, der alles aufsog, was mit dem Killer zu tun hatte, während er Nixon-Nasen aufs Papier zeichnete, und der später vollends in den Sog von Zodiac geriet, der die Ermittlungen auf eigene Faust fortzuführen versuchte und im Laufe der Jahre die zwei Bücher darüber geschrieben hat, die ihn bekannter gemacht haben als seine Cartoons.

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