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Video-Filmkritik: „Styx“ : Der Sturm nach der Ruhe

Bild: EclairPlay

Soll man helfen, wenn man gar nicht kann? Wolfgang Fischers Film „Styx“ über eine Einhandseglerin auf dem Weg zu einer tropischen Insel führt in ein moralisches Dilemma.

          4 Min.

          Die Affen von Gibraltar haben eine ganz eigentümliche Grazie. Sie wirken schlau in ihrer Behändigkeit, im Sinn von überlebensschlau, den Gegebenheiten, die nicht Natur sind, angepasst, aber auch verspielt und gewissermaßen zwecklos. Die Stadt gehört ihnen, kein Mensch weit und breit. Dem Meer, das ihre Klippen und Felsen umschließt, gönnen sie nicht einmal einen Blick.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was es mit den Affen am Anfang auf sich hat, erschließt sich im Rest des Films „Styx“ von Wolfgang Fischer nicht. Das ist aber kein Schaden, im Gegenteil. Diese Bilder verschaffen ein paar Minuten Ruhe vor dem Sturm, abgesehen davon, dass sie einen späteren sehr vorübergehenden Schauplatz vorstellen. Vielleicht wollte der Filmemacher uns einen Augenblick an Land gönnen, bevor es aufs Wasser geht und dort für den größten Teil des Films bleibt. Etwas Traumverlorenes haftet den Affen und ihrer Welt an, so dass man nicht überrascht ist, gleich darauf in einer Drohne in die Nacht zu stürzen und Motorengeräusche zu hören von zwei Autos, die aufeinander losrasen und ineinanderkrachen.

          Niemand braucht Angst um sie zu haben

          Das ist dann nicht mehr in Gibraltar, sondern in Köln. Und die Notärztin, die einen Schwerverletzten birgt, bevor sie am nächsten Tag in Urlaub fährt, das ist die Frau, um die es im Folgenden gehen wird: Rike, gespielt von Susanne Wolff in einer tour de force, um das Mindeste zu sagen. Für lange Zeit allein. Für lange Zeit schweigsam, ohne Gegenüber, ausgesetzt nur den grauen Wellen des grauen Meeres. Rike hat ein Segelboot in Gibraltar liegen – da sind wir wieder, wenn auch ohne Affen –, das sie belädt, um nach Ascension Island aufzubrechen.

          Susanne Wolff als Rike: Sie funkt in Wolfgang Fischers neustem Werk „Stynx“ um Hilfe für ein leckgeschlagenes Boot voller Flüchtlinge. Alleine kann sie kaum helfen – aber sollte sie es versuchen?

          Einhandsegeln passt zu ihr, selbstsicher, kontrolliert, wie sie ist, furchtlos auch und professionell. Keine Abenteurerin, sondern eine Frau, die gern allein ist und in Erfahrung bringen möchte, was es mit Darwins paradiesischem Eiland auf sich hat, auf dem er einen künstlichen Dschungel anlegte, der bis heute als selbsterhaltendes Ökosystem funktioniert. Ascension Island liegt zwischen Angola und Brasilien. Die kommerzielle Schifffahrt zieht an ihm vorbei, ohne von ihm Notiz zu nehmen, jedenfalls weiß der Kapitän eines Frachters in Rikes Nähe, der sie anfunkt, um sie vor einem aufziehenden Sturm zu warnen, nicht, wovon sie spricht, als sie ihr Ziel nennt. Rike nimmt die Warnung ernst, doch niemand braucht Angst um sie zu haben. Sie weiß, was zu tun ist. Sie ist bestens ausgerüstet. Sie macht das alles nicht zum ersten Mal.

          Erst als der Sturm vorbei ist, wird es richtig ernst. Beim Blick aus dem Fenster ihrer Elf-Meter-Yacht sieht sie ein windschiefes Fischerboot mit viel zu vielen Menschen darauf. Flüchtlinge, aus Mauretanien vermutlich, da ungefähr liegt ihr Boot gerade. Rike tut, was das Protokoll der Rettungskette vorschreibt. Sie ruft die Küstenwache. Die mauert, weist sie an, nichts zu tun, und kommt nicht. Sie ruft den Kapitän des Frachters, der ihr sagt, die Firmenpolitik sei eindeutig und heiße: sich heraushalten, nicht näher kommen, nicht eingreifen. In der Zwischenzeit springen die Menschen von dem offenbar lecken Boot ins Wasser. Rike beobachtet das, bleibt mit ihrem Boot aber liegen. Fährt allerdings auch nicht weiter auf ihrer Route, wozu die Küstenwache sie aufgefordert hatte. Ein Kind schafft es bis zu ihrer Yacht. Rike ist Ärztin. Sie muss helfen. Und springt ins Wasser, um mit aller Kraft den schlaffen Körper des bewusstlosen Jungen an Deck zu stemmen.

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