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„Vor ihren Augen“ im Kino : Leidenschaften gewinnen immer

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Manchmal muss man lange auf das Recht warten: Nicole Kidman hat Zeit. Bild: Universal

Billy Ray hat mit amerikanischen Weltstars wie Julia Roberts und Nicole Kidman den argentinischen Oscar-Preisträger „In ihren Augen“ nachgedreht. Das hätte er mal lieber sein lassen.

          1906 Bilder pro Tag, das ist das Pensum, das sich der ehemalige FBI-Agent Ray Kasten vorgenommen hat. Er durchforstet eine Datenbank mit mehreren hunderttausend Sätzen. Auf einem der Einträge hofft er einen Verbrecher zu finden. Einen Mann, der vor 13 Jahren eine junge Frau vergewaltigt und dann in eine Mülltonne geworfen hat. Einen Mann, den er schon einmal in Gewahrsam hatte, den er aber wieder laufen lassen musste. 1906 Bilder pro Tag, das schärft entweder den Blick, oder aber es verschwimmt irgendwann alles so weit, dass Verwechslungen unvermeidlich werden. Es kommt der Punkt, an dem Kasten jemanden mit seinen Erkenntnissen konfrontieren muss.

          Damit beginnt der Thriller „Vor ihren Augen“ von Billy Ray. Wie ein Gespenst taucht Ray Kasten plötzlich wieder an seiner alten Arbeitsstelle auf. Es handelt sich um eine Einheit, die damals zum Zwecke der Terrorabwehr gebildet wurde. Die 13 Jahre, von denen dieser Film implizit auch erzählt, sind die Zeit, in der Amerika sich allmählich von dem Trauma der Anschläge von 11. September 2001 zu lösen versuchte. 2002 ist die CT-(Counterterrorism-)Einheit in Los Angeles noch in höchstem Maße paranoid. Man rechnet jederzeit mit einem weiteren großen Anschlag. Deswegen ist es wichtig, Moscheen wie die Al-Ankara genau im Blick zu behalten.

          Die „Homeland Security“ steht über allem. Das muss auch Ray Kasten begreifen, der vom FBI in New York nach Los Angeles abgestellt wurde. Er ist derjenige, der eines Tages die schreckliche Entdeckung macht: Bei dem Opfer eines Sexualverbrechens handelt es sich um die Tochter von Jessica Cobb, einer Kollegin. Es gibt auch bald einen Tatverdächtigen, aber der junge Mann, auf den Kasten auch damals schon durch ein Foto aufmerksam wird, ist ein „prime CT asset“, ein Informant, von dem sich die Vorgesetzten die Aufdeckung eines Anschlagsplans erhoffen. „That boy is officially untouchable“, wird Kasten bedeutet. Der arbeitet folgerichtig inoffiziell weiter und bringt sich damit zunehmend in Schwierigkeiten.

          Liebesgeschichten, die noch immer selten sind

          In dem argentinischen Film „In ihren Augen“ (2009), der hier Pate stand, ist die zeitliche Distanz zwischen den Ereignissen deutlich größer. 25 Jahre liegen zwischen dem Verbrechen und dem Versuch, es neu aufzurollen. Diese beträchtliche Zeitspanne ist vor allem auch deswegen von Belang, weil es in beiden Filmen auch noch eine zweite Spannungsebene neben der kriminalistischen gibt. Der Polizist liebt nämlich die Staatsanwältin, die mit dem Fall betraut ist. Seine Obsession für diesen Fall ist erotisch. Jessica Cobb, die Mutter, deren Leben mit dem ihrer Tochter zerstört wurde, sagt im Film von Billy Ray: „passion always wins“, die Leidenschaften gewinnen immer. Leider sind es häufig zerstörerische Siege.

          2010 gewann „In ihren Augen“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Aber auch ohne diese damals umstrittene Auszeichnung (viele hatten auf Michael Hanekes „Das weiße Band“ gesetzt) ist unschwer zu sehen, dass es sich bei Juan José Campanellas Drama um einen Stoff handelt, der für eine amerikanisierte Version prädestiniert ist. Zumal es darin drei große Charakterrollen gibt, für die Billy Ray eine hochkarätige Besetzung wählte: Julia Roberts ist Jessica Cobb, Nicole Kidman spielt die Staatsanwältin Claire Sloane, und zwischen diese beiden Frauen wird der afroamerikanische Star Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) geradezu programmatisch installiert. Liebesgeschichten, die in der einschlägigen Terminologie „interracial“ heißen, sind auf dieser Ebene im Hollywood-Kino nach wie vor eine Seltenheit.

          Steife Begegnung: Claire (Nicole Kidman) und Ray Kasten (Chiwetel Ejiofor).

          Durchschimmerndes Kalkül

          An Chiwetel Ejiofor liegt es nicht, dass in diesem Fall das Konzept überhaupt nicht aufgeht. Eher schon daran, wie diese Figur des Ray Kasten als einsamer Held gegen ein ganzes System ins Rennen geschickt wird, vor allem gegen opportunistische Bürokraten. Ejiofor, bei dem man sich für den Zeitsprung im Film mit dezenter Graumelierung der Haare beschieden hat, steht mit Nicole Kidman eine Schauspielerin gegenüber, die sich mit zunehmendem Alter immer mehr für eine Strategie à la Marlene Dietrich oder Greta Garbo entscheidet: das Einfrieren ihrer Schönheit. Zwischen Ray Kasten und Claire Sloane sollte eigentlich jene Emotion entstehen, die so oft aus der Entsagung die größere Erfüllung macht. Aber die Begegnungen zwischen ihnen bleiben steif, den Moment einer späten Erfüllung lässt Billy Ray reichlich ungeschickt verpuffen.

          Deutlich sehenswerter ist, was Julia Roberts mit ihrer Starpersönlichkeit macht. Dem Image der „Pretty Woman“ ist sie nicht so sehr entwachsen, als dass sie es bewusst reifen ließ. Schon Rollen wie „Erin Brockovich“ wiesen in die Richtung, in die sie nun mit „Vor ihren Augen“ noch zielstrebiger geht: als dramatische Heldin muss sie sich nicht gegen die Vergänglichkeit immunisieren. Im Gegenteil spielt sie in diesem Film ausdrücklich mit dem Faktor Zeit (an einer Stelle sagt Kasten zu ihr sogar: „you look like a million years old“). Während bei Nicole Kidman die 13 Jahre zwischen 2002 und 2015 kaum merklich sind, ist der erste Auftritt von Julia Roberts in der Rolle der älteren Jessica Cobb fast ein bisschen schockierend. Doch das ist nur der Ausgangspunkt für die zentrale Reflexion des Films. Die zielt nämlich auf unterschiedliche Formen von „Lebenslänglichkeit“ – der Strafvollzug ist nur eine davon. Die andere betrifft eben dieses Gefängnis der Individualität, in dem alle Menschen stecken.

          Wenn die Leidenschaft tatsächlich immer gewinnt, dann muss man ihr eben auch ein wenig vertrauen. Daran aber mangelt es dem Film entscheidend: an vielen Stellen schimmert das Kalkül durch, an die bemerkenswerten argentinischen Schauspieler reichen die Hollywood-Stars nicht annähernd heran, und die politischen Signale, in denen eine Abrechnung mit der Präsidentschaft von George W. Bush erkennbar wird, wirken aufgesetzt. Ray Kasten steht mit seiner Desillusionierung auch für die Erfahrungen der Nullerjahre, er hat dagegen aber kein anderes Mittel, als sich in alten Bildern zu verrennen.

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