https://www.faz.net/-gs6-85xt0

Videokritik „Taxi Teheran“ : Die komische Hölle eines Lebens im Arrest

Bild: Weltkino

Jafer Panahis „Taxi Teheran“ entstand unter schwierigsten Bedingungen. Der iranische Regisseur und Berlinale-Sieger steht in Iran unter Hausarrest. Der Film ist ein Spiegel seiner absurden Lage.

          Und so endet der Film. „Obwohl es mein Herzenswunsch wäre, hat dieser Film keinen Abspann. Ich stehe tief in der Schuld all derer, die mitgeholfen haben, ihn zu machen.“ Mehr nicht. Kein Name, keine Liste des Teams. Auch so kann man mitteilen, dass „Taxi Teheran“ gegen alle Wahrscheinlichkeit entstanden ist, gegen das Verbot, ihn zu drehen, gegen das wachsame Auge des Staates, gegen die Einschüchterungsversuche der Behörden. Und gegen die eigene Angst.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jafar Panahi, geboren 1960, ist der wichtigste zeitgenössische Filmregisseur Irans. Im Dezember 2010 verurteilte ihn ein islamisches Revolutionsgericht wegen „Verabredung von Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ und antiiranischer Propaganda zu sechs Jahren Hausarrest und zwanzig Jahren Berufsverbot. Seither hat Panahi trotzdem drei Filme gedreht: einen, der in seiner Wohnung in Teheran, einen, der in einem Ferienhaus am Kaspischen Meer, und nun den dritten, der in einem Taxi spielt. In allen dreien ist Panahi die Hauptfigur. Alle drei handeln von seinem Arrest, vom Verbot, Bilder zu machen oder sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Und alle drei sind bildmächtige, erschütternde Porträts der iranischen Wirklichkeit.

          „Taxi Teheran“ beginnt mit dem Blick aus einem Autofenster. Eine große Straßenkreuzung, Passanten, Wagen, Motorräder. Dann steigen zwei Fahrgäste, eine Frau und ein Mann, in das Auto, das offenbar zu den Tausenden von Privattaxis gehört, die durch Teheran fahren. Die beiden beginnen zu streiten, weil der Mann die Todesstrafe für Diebe fordert und die Frau, eine Lehrerin, ihm widerspricht. Zuvor hat der Mann auf dem Beifahrersitz die Kamera, die an der Windschutzscheibe hängt, auf sich justiert. Es ist klar, dass der Streit inszeniert ist. Und es ist gleichzeitig klar, dass dies kein Schauspiel ist, keine fiktive Geschichte, sondern eine Modellsituation. Ein Wahrspiel.

          So geht es weiter. Gleich der nächste Fahrgast begrüßt den Mann am Steuer: „Herr Panahi, ich erkenne Sie!“ Omid, so heißt der Mann, handelt mit Raubkopien von Filmen und Serien, er hat auch den Regisseur schon mit DVDs von Woody Allen und Nuri Bilge Ceylan versorgt, und am Ende der Tour, die er mit ihm macht, wird er Panahi anbieten, in sein Geschäft einzusteigen: „Wir könnten ein Vermögen machen!“ Aber zuerst kommt etwas dazwischen. Eine schreiende Frau und ein blutüberströmter Mann steigen in das Taxi, die Frau heult, ihr Gatte habe einen Motorradunfall gehabt, und der Verletzte brüllt, er müsse sein Testament machen, jetzt, sofort. Weil kein Papier zur Hand ist, spricht der Mann seinen letzten Willen in Panahis Smartphone: Seine Frau soll alles erben, was er besitzt, seine Familie auf ihre Ansprüche verzichten. Dann hält der Wagen am Hospital, das Paar steigt aus, das Testament will der Regisseur der künftigen Witwe zuschicken. Später ruft die Frau noch einmal an: Ihrem Gatten gehe es besser, aber den Film aus dem Smartphone wolle sie dennoch haben, für alle Fälle.

          Vor zwölf Jahren gab es schon einmal einen iranischen Film, der ausschließlich in einem Auto spielte. Aber Abbas Kiarostamis „Ten“, in dem eine Frau mit Kopftuch am Steuer des Wagens saß, der eineinhalb Stunden lang durch die Teheraner Innenstadt fuhr, spielte in einer anderen Welt, einer ohne Smartphones, ohne Digicams an Autoscheiben, ohne Fotoapparate mit Videofunktion. Und ohne Berufsverbot für Regisseure. Auch Kiarostamis Film wurde die Aufführung in Iran zunächst verweigert, aber im Ausland durfte er ohne Beschränkung laufen. Panahi dagegen musste „Taxi Teheran“ nach Deutschland schmuggeln, wo er auf der Berlinale im Februar den Goldenen Bären gewann.

          Weitere Themen

          Irans Außenminister überraschend beim G-7-Gipfel

          Biarritz : Irans Außenminister überraschend beim G-7-Gipfel

          Eine Überraschung für die Teilnehmer: Dschawad Zarif ist in Biarritz eingetroffen. Er trifft dort mit seinem französischen Amtskollegen und Präsident Emmanuel Macron zusammen – laut dem iranischen Außenamtssprecher aber nicht mit der amerikanischen Delegation.

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.