https://www.faz.net/-gs6-7y0gi

Videokritik : Unendlicher Spaß, in Trauer gereift

Bild: Neue Visionen

Roy Anderssons „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist ein Meisterwerk des lakonischen Humors. Es weist dem europäischen Kino den Weg zu Kafka und Beckett.

          5 Min.

          Man stelle sich vor, Wim Wenders hätte nach seinem zweiten Film aufgehört, Regie zu führen, und mehr als zwanzig Jahre lang nur Werbespots produziert. Dann, gegen Ende des Jahrtausends, wäre er zurückgekommen und hätte in fünfzehn Jahren drei Spielfilme gedreht. Der erste hätte den Großen Jurypreis in Cannes gewonnen, der zweite den Schwedischen Filmpreis, der dritte den Goldenen Löwen in Venedig . . . und immer noch hätte ihn, Wenders, fast niemand gekannt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das ist, in groben Zügen, die Geschichte des schwedischen Regisseurs Roy Andersson. 1975, nach dem Misserfolg seines Films „Giliap“, zog er sich aus dem Kinogeschäft zurück, ein Vierteljahrhundert später war er mit „Songs from the Second Floor“ wieder da, und seitdem ist Andersson ein Künstler für die wenigen Auserwählten. Erst jetzt, nachdem „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ in Venedig den Hauptpreis gewonnen hat, könnte er einem breiteren Publikum bekannt werden. Roy Andersson ist einundsiebzig Jahre alt. Er hat wahrhaftig Anlass, über das Leben nachzudenken.

          Der Film beginnt mit einer Szene im Naturkundemuseum. Ein bleicher, leicht zerrupft aussehender Mann schaut sich Vitrinen mit ausgestopften Vögeln an, hier eine Taube, dort ein Bussard. Jäger und Beute. Im Hintergrund fletscht ein Dinosaurierskelett die Zähne. Abblende. Dann folgen, so verkündet es ein Zwischentitel, „Drei Begegnungen mit dem Tod“. Ein dicker Mann stirbt beim Versuch, eine Weinflasche zu entkorken, während seine Frau in der Küche friedlich vor sich hin summt. Eine Greisin klammert sich auf dem Sterbebett wimmernd an ihre Handtasche mit den Wertsachen, die ihre Kinder ihr zu entreißen versuchen. Ein Mann liegt in einer Flughafenkantine tot am Boden, aber er hat sein Essen schon bezahlt; jetzt wird ein Freiwilliger gesucht, der es verzehrt.

          Gereinigte Realität

          Es sind Geschichten, wie man sie bei Monty Python oder Buster Keaton gesehen hat, nur ohne die Entladung ins Komische; gespielte Witze ohne Witz. Pointen der Traurigkeit. Man möchte loslachen, wie bei der folgenden Szene aus dem Flamenco-Kurs, in der die Tanzlehrerin, eine üppige Matrone, mit verzweifelter Zärtlichkeit an ihrem blonden Lieblingsschüler herumfingert. Aber die Komik läuft auf das Riff der Melancholie. Der Schüler flüchtet aus dem Tanzsaal ins Freie.

          Erst ganz allmählich wird in „Eine Taube sitzt auf einem Zweig“ so etwas wie eine Handlung sichtbar. Zwei Scherzartikelvertreter, ein großer mürrischer und ein etwas kleinerer, der leicht in Tränen ausbricht, ziehen durch Göteborg und preisen ihre Waren an: „Wir helfen den Menschen, Spaß zu haben.“ Da ist das Vampirgebiss, das sich der Kleine in den Mund schiebt, während der Große wie versteinert vor sich hin stiert. Dann gibt es den „Klassiker“, einen Lachsack, wie ihn vor vierzig Jahren die Sextaner aus ihren Schulranzen zogen, um den Lehrer zu ärgern. „Der sorgt für gute Stimmung, sowohl zu Hause als auch im Büro.“ Schließlich das neueste Produkt, die Gummimaske „Gevatter Einzahn“, die auf der Rottweiler Fastnacht vermutlich Eindruck machen würde. Man kann sich vorstellen, in welche Richtung die Umsatzkurve der beiden Frohsinnsverkäufer zeigt. Am Ende des Films landen sie im Armenhotel.

          Die beiden arbeiten, sagen sie, in der Unterhaltungsindustrie. Auch Roy Andersson arbeitet dort. Aber es ist kein schwedischer Ableger von Hollywood, in dem er tätig ist, sondern eine Traumfabrik, die ihm ganz allein gehört. Mit dem Geld, das er in der Werbebranche verdiente, hat Andersson sich in einem Stockholmer Wohnviertel ein eigenes Studio gebaut, in dem er seit den achtziger Jahren alle seine Filme dreht. Nur wenige Szenen in „Eine Taube sitzt auf einem Zweig“ spielen im Freien, die meisten sind in Innenräumen aufgenommen, die Andersson und seine Ausstatter mit unendlicher Akribie eingerichtet haben. Er wolle die Realität in seinen Filmen verdichten und reinigen, sagt Andersson. Wovon? Von der Schlacke des Bunten und Banalen. Die Bilder in „Eine Taube . . .“ sind ausgebleicht, als hätten sie sich mit Hellgrau gepudert, die Räume frisch gefegt, die Menschen in gedeckte Farben gekleidet wie in einer Kafka-Inszenierung von Christoph Marthaler.

          Panorama der Gefühle

          Sie sitzen in Kellerkneipen über ihren Bieren, und auf einmal ist es das Jahr 1943, und die Wirtin, „Hinke-Lotta“ genannt, singt ihren Gästen ein Lied, das von Sehnsucht handelt, von Küssen, vom Geld und vom Geschäft. In einer anderen Kneipe, in einem Industriegebiet am Rand der Stadt, kommt plötzlich König Karl der Zwölfte mit seinen Gardehusaren angeritten, sie ziehen in den Krieg gegen die Armee des Zaren, der sie 1709 bei Poltawa erliegen werden, aber bevor der König zerlumpt und entkräftet von der Niederlage zurückkehrt, flirtet er noch ein bisschen mit dem Barkeeper, einem jungen Mann, den er einlädt, sein Zelt mit ihm zu teilen. Als er dann wieder in der Gaststube sitzt, aus der seine Profosse, Ordnung muss sein, zuvor alle Frauen verjagt haben, ist die Toilette, die der geschlagene Held aufsuchen will, besetzt, und so sinkt er mit hängenden Schultern auf einen Stuhl, ein Verlierer unter vielen in diesem Film.

          So kommt alles in den zeitvergessenen, Zeit bewahrenden Räumen zusammen, die Anderssons filmische Phantasie konstruiert, die Liebe, der Todestrieb, die Trauer um das verlorene Leben, dazu die kleineren Gefühle wie Neid, Habsucht, Unmut und Ungeduld. Einmal sieht man einen Mann am Tisch sitzen, dem plötzlich etwas einfällt: „Ich war mein Leben lang ein Geizhals. Deshalb bin ich unglücklich.“ Niemand hört zu, ungerührt räumt der Kellner die Gläser auf. In einer anderen Szene steht ein Käseverkäufer, der wie der Konditor auf dem berühmten Porträtfoto von August Sander gekleidet ist, vor seiner Ladentür und sagt: „Heute finde ich mich nett.“ Seine Angestellte drinnen im Laden zeigt ihm insgeheim einen Vogel.

          Kafkaeske Träume

          Die ersten Kritiker von „Eine Taube . . .“ haben, wie zu erwarten war, bei Andersson an Ingmar Bergman gedacht, nach dem Motto: Ein Schwede kommt selten allein. Dabei haben die schwermütigen Allegorien des Roy Andersson mit dem psychologischen Realismus à la Bergman rein gar nichts zu tun. Eher könnte man, wenn man seine beiden traurigen Lachsackverkäufer durch die Studiokulissen trotten sieht, an die Theaterpaare Samuel Becketts denken, an Wladimir und Estragon, die auf Godot warten, oder an Hamm und Clov, die im „Endspiel“ zugrunde gehen. Aber letztlich geht es bei Andersson doch um etwas ganz anderes, etwas, das nur im Kino passiert. Der Guckkasten öffnet sich, und das Auge des Zuschauers gleitet in eine Welt, in der die Gesetze des Alltags aufgehoben sind. Der Mechanismus der Zeit ist ausgehängt, die Räume gleiten ineinander wie im Schlaf. Wenn man die Kostüme der Darsteller (die zum großen Teil Laien sind) in „Eine Taube . . .“ sieht, müsste man sagen, der Film spielt irgendwann im zwanzigsten Jahrhundert. Aber dann gibt es ja noch den Schwedenkönig Karl. Selbst auf die Geschichte ist bei Andersson kein Verlass.

          Am Ende findet der Film nach so vielen abgründig freundlichen Szenen zu einem unvergesslichen Schreckensbild. Männer, Frauen und Kinder mit dunkler Haut werden von Soldaten in britischen Tropenuniformen in einen riesigen, quer aufgehängten Stahlzylinder getrieben. Dann zündet einer der Uniformierten ein Feuer unter dem Zylinder an. Von den Füßen der darin Gepeinigten angetrieben, beginnt sich das Gebilde zu drehen, und aus den trompetenförmigen Öffnungen an seinem Rand dringt die Musik der Qual.

          Es ist nur ein Traum, den der kleinere der zwei Scherzartikelvertreter geträumt hat. Aber die Szene war so real wie nur je irgendeine im Film. „Darf man Menschen für das eigene Vergnügen benutzen?“, fragt der Träumer seinen Partner. „Ist es sinnvoll, um diese Uhrzeit über so etwas nachzudenken?“, fragt der Nachtportier der Absteige zurück, in der die beiden Taugenichtse wohnen. Mit Roy Andersson hat das europäische Kino einen neuen Weg zu den Welten von Kafka und Beckett gefunden. Seine „Taube“ fliegt genau zur richtigen Zeit.

          Weitere Themen

          Der beste aller Zuhörer

          Zum Tod von Werner Düggelin : Der beste aller Zuhörer

          Traumfänger und Beichtvater: Er zauberte seinen Figuren Gegenwelten, die sie sich selbst kaum vorzustellen trauten. Nun ist der Schweizer Theaterregisseur Werner Düggelin im Alter von neunzig Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Konzert mit 13.000 Zuschauern : „Ein dringend notwendiges Signal“

          Die Konzertbranche ist von den Corona-Regeln besonders hart getroffen. Marek Lieberberg will sich nun in Düsseldorf mit 13.000 Zuschauern zurück Richtung Großveranstaltungen tasten. Der NRW-Gesundheitsminister hat jedoch Zweifel.

          Auf der Pirsch : Warum es immer mehr Jäger in Deutschland gibt

          Der Jagdschein erfreut sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Dahinter steckt die Liebe zur Natur und ein soziales Erlebnis – aber auch der Wunsch, selbst anders zu konsumieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.