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Videokritik: „Der Marsianer“ : Das Vakuum im Raumanzug

Bild: F.A.Z., 20th Century Fox

Ridley Scotts „Der Marsianer“ schiebt auf dem Roten Planenten eine ruhige Kugel. Eine cineastische Weltraumexkursion mit einem großartigen Matt Damon - und ohne einen Funken Abenteuer.

          Was passiert mit einem Mann, der während eines Sturms für tot gehalten wird und der, als er aus seiner Ohnmacht erwacht, feststellt, er ist allein auf dem Mars? Verzweifeltes Aufbäumen? Hysterisches Gelächter? Apathie? Nicht bei Mark Watney. Er schaut sich um, japst, weil durch seinen Raumanzug hindurch sich eine Antenne in seinen Bauch gerammt hat, und dann beginnt er unverzüglich, sein Überleben zu organisieren. Die Raumstation, in der er mit einer Mannschaft, die dem Sturm entkommen konnte und bereits auf dem Rückweg zur Erde ist, seine Forschungen betrieb, steht noch. Auch ein wenig Proviant ist noch da, um die Zeit zu überbrücken, bis die Kartoffeln, die er entsprechend den Prinzipien biologischen Ackerbaus zieht, geerntet werden können. Und selbst Musik findet er auf einem der von seinen Kollegen zurückgelassenen Laptops, allerdings nur Discobrüller aus den Hitparaden der Achtziger, was dem Film am Ende einen netten Gag erlaubt. „So you’re back from outer space. I will survive.“ Mark findet Gloria Gaynor zwar schrecklich, aber immer noch besser als die Stille auf einem Planeten, der vier Jahre von der Erde entfernt liegt, und dreht die Lautstärke hoch.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ridley Scotts „Der Marsianer - Rettet Mark Watney“ lebt nicht von der Komplexität seiner Hauptfigur. Nicht von phantastischer Landschaft im Universum. Nicht von atemraubend schwereloser Atmosphäre mit niemandem drum herum, der stören könnte, der Stille, der Verlorenheit. Ridley Scotts „Der Marsianer - Rettet Mark Watney“ lebt überhaupt nicht. Manchmal röchelt er ein wenig und zuckt sanft, und das ist Matt Damon zu verdanken. Er hat den Charme eines Filmstars, der aus der Rolle eines letztlich all american guys im All das Beste herausholt, etwas Humor und eine Selbstsicherheit im Überleben, die von weit jenseits dieser Figur, dieser Geschichte stammt.

          Matt Damon unter der Dusche

          Wer jetzt denkt: Robinson Crusoe. Oder „Cast Away“. Oder „Moon“. Wer an irgendein Werk denkt, das aufgrund derselben Ausgangssituation auch nur eine einzige Frage hat sichtbar werden lassen, der es sich nachzuspüren lohnt, wird vom Marsianer enttäuscht sein. Dieser Mann denkt über nichts nach, was über die Frage hinausgeht, wie er Wasser erzeugen kann, um seine Kartoffeln zu sprengen. Wasser! Hätte Scott gewusst, was wir wissen, dass es nämlich Wasser auf dem Mars gibt, woran hätte Mark Watney dann herumgeknabbert? Da es auch keine äußeren Feinde gibt, mit denen Mark sich herumschlagen muss - was Ridley Scott ja durchaus zuzutrauen gewesen wäre, aber nicht der Vorlage von Andy Weir -, kann Mark Schritt für Schritt und unbehelligt planen und basteln und immer wieder aufräumen, bis er schließlich Kontakt zu „Houston“ herstellt. Hello Houston, we have a problem. Da sind wir dann im seichten Gewässer von Tausenden Folgen von Fernsehastronautenfilmchen. Und das in einem Film des Regisseurs von „Alien“ und „The Blade Runner“. Es ist eigentlich zum Heulen.

          Natürlich sieht das bei Scott besser aus. Natürlich weiß Scott, wie er eine Szene inszenieren muss, in der am Ende ein Acker explodiert. Und er weiß auch, wann es an der Zeit ist, Matt Damon mal unter die Dusche zu schicken und statt im Weltraumanzug mit nacktem Oberkörper wieder herauskommen zu lassen, damit wir anerkennen können, wie er an sich gearbeitet hat. Aber all dies Handwerk bringt nichts als eine glatte Oberfläche zustande, unter der sich nichts verbirgt. Keine packende Geschichte. Keine Angst, kein Gefühl überhaupt.

          Könnte es nicht sein, dass einem Mann, der allein auf dem Mars ist, 140 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, der eine oder andere Gedanke kommt? Dass er die Zeit nutzt, sich ein paar Fragen zu stellen, zu denen er bisher nicht vorgedrungen war?

          Beschleunigtes Kartoffenwachstum und andere Nebensachen

          Vermutlich liegt es an der Vorlage von Andy Weir, dass da nichts kommt. Dass dieser Mark Watney ein Fachidiot sondergleichen ist, der seine Situation mit den Mitteln angeht, die ihm zur Verfügung stehen - analytischer Durchdringung. Warum ist das so gähnend langweilig? Die Lösungen, die er findet, etwa um über einen alten Satelliten Verbindung zur Erde aufzunehmen, sind brillant. Aber sie werden uns präsentiert, als hätte er eine Aufgabe im Kopfrechnen gelöst.

          Weirs Buch hat seinen Weg zum Bestseller im Internet angetreten und wurde als die Einführung des „nerd thrillers“ in den Mainstream gefeiert, was heißen sollte: Denken ist spannend. Aber ist es auch fotogen, vor allem, wenn es rein wissenschaftlich ist? So sieht es hier nicht aus. Um etwas Tempo in die Sache zu bringen, greift Scott sogar zum Mittel des Zeitraffers, um die Wachstumsphasen der biologisch einwandfreien Kartoffeln zu beschleunigen. Wer denkt denn da? Ist es nicht das, was wir als Erstes wissen wollen?

          Andererseits ist die Sache mit dem „nerd thriller“ auch wieder nicht so ernst zu nehmen. Denn alles, was hier geschieht, folgt aus einer physikalischen Unmöglichkeit - nämlich einem Sandsturm enormen Ausmaßes mit erheblicher Zerstörungskraft, den die dünne Luft auf dem Mars nicht hergäbe. Künstlerische Freiheit? Natürlich! Aber warum sollen wir wissenschaftlich dann den Rest glauben und auf das verzichten, was uns am meisten interessiert?

          Das ist ja nicht die richtige Düngerportionierung, sondern das Innere dieser Figur. Fragen ans Leben und Sterben möglicherweise. Fragen, die sich auch der Rest der Mannschaft - darunter Jessica Chastain als Kommandantin, Michael Pena, Kristen Wiig - stellen könnte, die Mark allein zurückgelassen hatte. Oder „Houston“, etwa Jeff Daniels oder Chiwetel Ejiofor. Dass der Film das Ende von „Mission to Mars“ wie das von „Gravity“ zitiert, aber endlich ein glückliches daraus macht - das kann verraten werden, weil von Beginn an nichts dafür spricht, dieser Mark hätte das Zeug dazu, allein im Universum verlorenzugehen.

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