https://www.faz.net/-gs6-8ols1

Videokritik: „Allied“ : Letztes Jahr in Casablanca

Bild: F.A.Z., Paramount Pictures

In dem Film „Allied“ spielen Brad Pitt und Marion Cotillard ein Agentenpärchen im Zweiten Weltkrieg - auf den Spuren einer klassischen Liebesgeschichte.

          4 Min.

          Wenn man auf der Basis des Filmklassikers „Casablanca“ ein Videospiel entwickeln müsste, könnte die Handlung ungefähr folgendermaßen aussehen: Max, der Held, ein britisch-kanadischer Spion, landet per Fallschirm in der marokkanischen Wüste. An einer Landstraße wird er von einem Auto mit einheimischem Fahrer aufgelesen. Im Wagen findet er einen Koffer mit falschen Pässen und Geld. Der Fahrer bringt ihn zu einem Tanzcafé in Casablanca, wo er die schöne Marianne trifft, eine Agentin der Résistance, die ihm helfen soll, seinen Auftrag auszuführen. Gemeinsam wollen die beiden den deutschen Botschafter erschießen - falls ihre Tarnung als Liebespaar nicht auffliegt und Max’ kanadischer Akzent ihn nicht verrät. Bei einem Ausflug in die Wüste kommen die beiden sich näher, und während eines Sandsturms, den sie in Mariannes Auto überstehen, werden sie tatsächlich ein Paar.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und genau so fängt „Allied“ von Robert Zemeckis auch an.

          Nur dass „Allied“ ein Kinofilm ist und kein Videospiel. Das bedeutet, dass wir nicht die user, die Benutzer und Mitspieler der Geschichte sind, sondern ihre Zuschauer. Darin liegt ein Moment von Freiheit, das besonders große amerikanische Produktionen in letzter Zeit immer häufiger vergessen. Wenn wir nicht durch Max’ Augen auf Marianne und Casablanca, sondern durch unsere eigenen auf das Agentenpaar, die Kulisse, die Nebenfiguren und den Aufbau der Handlung blicken, sehen wir Dinge, die wir eigentlich nicht sehen sollen. Zum Beispiel, dass Brad Pitt, der den Helden verkörpert, nicht bloß ein leicht zerkautes, sondern (wenigstens in der Originalversion) ein ganz erbärmliches Französisch spricht, so dass die Behauptung des Films, Max könne unter den Vichy-Franzosen in Marokko als Landsmann aus Paris durchgehen, von vornherein nicht funktioniert. Oder dass im Zusammenspiel von Pitt und Marion Cotillard, der Darstellerin der Marianne, trotz vielfacher Bemühungen der Regie mit Badezimmerspiegeln und schmachtenden Drehbuchsätzen auf Dachterrassen eben das nicht passiert, was für ein Liebespaar auf der Leinwand unabdingbar ist: eine Verstrickung der Blicke, ein gemeinsamer Rhythmus der Körper, die uns für Momente davon überzeugen, dass die Liebe, von der das Kino redet, kein leeres Wort ist.

          Hoher Anspruch, tiefer Fall

          Stattdessen behilft sich der Film mit Spezialeffekten. Schon der Fallschirmsprung am Anfang sieht wie der Flug einer digitalen Puppe aus, und der Sandsturm, bei dem Max und Marianne in angestrengte Ekstase geraten, besteht vollständig aus computergenerierten Körnern. Für einen Actionfilm, bei dem es nicht auf die einzelne Einstellung ankommt, sondern auf die Dynamik zwischen den Bildern und Szenen, wäre das eine brauchbare Strategie. Aber „Allied“ will etwas anderes sein. Ein historisches Liebesdrama. Eine Agentengeschichte aus der großen Zeit des Kinos. Ein Stück echtes, altes Hollywood. Eine elegante Hommage. Nicht zufällig hat der Hut, den Marion Cotillard auf den Straßen von Casablanca trägt, die gleiche Bogenform wie der von Ingrid Bergman in „Casablanca“. Und nicht zufällig spielt auch die Marseillaise, die französische Nationalhymne, bei Robert Zemeckis eine ähnliche Rolle wie damals bei Michael Curtiz. Der Film weicht dem Vergleich mit seinen Vorbildern nicht aus, er sucht ihn geradezu. Er setzt zum großen Sprung an. Umso tiefer ist sein Fall.

          Weitere Themen

          Ein Initiator der Moderne

          Maler Frédéric Bazille : Ein Initiator der Moderne

          Kaum hatte er seinen Vater von seinem Weg überzeugt, zerstörte der deutsch-französische Krieg eine vielversprechende Karriere: Vor hundertfünfzig Jahren fiel der Maler Frédéric Bazille auf dem Schlachtfeld.

          Opas Kino guckt für mich

          Filmfest Mannheim-Heidelberg : Opas Kino guckt für mich

          Jenseits der Üblichkeiten des internationalen Festivalbetriebs ist noch Platz: Das Filmfest Mannheim-Heidelberg macht einen neuen Anfang mit interessanten Filmen wie „My Mexican Bretzel“ von Nuria Giménez.

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Verletzte und Festnahmen : Zehntausende Menschen protestieren in Frankreich

          In Paris bauten Demonstranten Barrikaden und bewarfen Polizisten mit Steinen. Mehrere wurden verletzt. Die Demos richteten sich gegen Polizeigewalt und das umstrittene Sicherheitsgesetz. Die Organisatoren sprachen von 500.000 Teilnehmern im ganzen Land.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.