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Videokritik: „Allied“ : Letztes Jahr in Casablanca

Bild: F.A.Z., Paramount Pictures

In dem Film „Allied“ spielen Brad Pitt und Marion Cotillard ein Agentenpärchen im Zweiten Weltkrieg - auf den Spuren einer klassischen Liebesgeschichte.

          4 Min.

          Wenn man auf der Basis des Filmklassikers „Casablanca“ ein Videospiel entwickeln müsste, könnte die Handlung ungefähr folgendermaßen aussehen: Max, der Held, ein britisch-kanadischer Spion, landet per Fallschirm in der marokkanischen Wüste. An einer Landstraße wird er von einem Auto mit einheimischem Fahrer aufgelesen. Im Wagen findet er einen Koffer mit falschen Pässen und Geld. Der Fahrer bringt ihn zu einem Tanzcafé in Casablanca, wo er die schöne Marianne trifft, eine Agentin der Résistance, die ihm helfen soll, seinen Auftrag auszuführen. Gemeinsam wollen die beiden den deutschen Botschafter erschießen - falls ihre Tarnung als Liebespaar nicht auffliegt und Max’ kanadischer Akzent ihn nicht verrät. Bei einem Ausflug in die Wüste kommen die beiden sich näher, und während eines Sandsturms, den sie in Mariannes Auto überstehen, werden sie tatsächlich ein Paar.

          Andreas Kilb
          (kil.), Feuilleton

          Und genau so fängt „Allied“ von Robert Zemeckis auch an.

          Nur dass „Allied“ ein Kinofilm ist und kein Videospiel. Das bedeutet, dass wir nicht die user, die Benutzer und Mitspieler der Geschichte sind, sondern ihre Zuschauer. Darin liegt ein Moment von Freiheit, das besonders große amerikanische Produktionen in letzter Zeit immer häufiger vergessen. Wenn wir nicht durch Max’ Augen auf Marianne und Casablanca, sondern durch unsere eigenen auf das Agentenpaar, die Kulisse, die Nebenfiguren und den Aufbau der Handlung blicken, sehen wir Dinge, die wir eigentlich nicht sehen sollen. Zum Beispiel, dass Brad Pitt, der den Helden verkörpert, nicht bloß ein leicht zerkautes, sondern (wenigstens in der Originalversion) ein ganz erbärmliches Französisch spricht, so dass die Behauptung des Films, Max könne unter den Vichy-Franzosen in Marokko als Landsmann aus Paris durchgehen, von vornherein nicht funktioniert. Oder dass im Zusammenspiel von Pitt und Marion Cotillard, der Darstellerin der Marianne, trotz vielfacher Bemühungen der Regie mit Badezimmerspiegeln und schmachtenden Drehbuchsätzen auf Dachterrassen eben das nicht passiert, was für ein Liebespaar auf der Leinwand unabdingbar ist: eine Verstrickung der Blicke, ein gemeinsamer Rhythmus der Körper, die uns für Momente davon überzeugen, dass die Liebe, von der das Kino redet, kein leeres Wort ist.

          Hoher Anspruch, tiefer Fall

          Stattdessen behilft sich der Film mit Spezialeffekten. Schon der Fallschirmsprung am Anfang sieht wie der Flug einer digitalen Puppe aus, und der Sandsturm, bei dem Max und Marianne in angestrengte Ekstase geraten, besteht vollständig aus computergenerierten Körnern. Für einen Actionfilm, bei dem es nicht auf die einzelne Einstellung ankommt, sondern auf die Dynamik zwischen den Bildern und Szenen, wäre das eine brauchbare Strategie. Aber „Allied“ will etwas anderes sein. Ein historisches Liebesdrama. Eine Agentengeschichte aus der großen Zeit des Kinos. Ein Stück echtes, altes Hollywood. Eine elegante Hommage. Nicht zufällig hat der Hut, den Marion Cotillard auf den Straßen von Casablanca trägt, die gleiche Bogenform wie der von Ingrid Bergman in „Casablanca“. Und nicht zufällig spielt auch die Marseillaise, die französische Nationalhymne, bei Robert Zemeckis eine ähnliche Rolle wie damals bei Michael Curtiz. Der Film weicht dem Vergleich mit seinen Vorbildern nicht aus, er sucht ihn geradezu. Er setzt zum großen Sprung an. Umso tiefer ist sein Fall.

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