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Videofilmkritik „Little Women“ : Frauen in sämtlichen Größen

Bild: dpa

Mit Gardinenpredigten hält sich Greta Gerwig in ihrer Romanverfilmung von Louisa May Alcotts „Little Women“ zurück. Und doch versetzt sie allen Romantikern am Ende einen Stich ins Herz, der aber den Kopf freimacht.

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          Da rennt Saoirse Ronan als Josephine „Jo“ March durch das Menschengetriebe New Yorks und verkauft mit tintigen Fingern gegen Bares blutrünstige Kurzgeschichten an einen Zeitungsverleger, bevor sie wieder als Hauslehrerin in einem Gästehaus verschwindet und – ohne es zu merken – dem mittellosen Immigranten Professor Bhaer den Kopf verdreht. In einem Lusxusbiotop lebt dagegen die jüngere Schwester Amy (Florence Pugh): Als Gesellschafterin der stinkreichen Tante, in deren Rolle Meryl Streep desillusionierten Snobismus verbreitet, verfeinert sie auf Grand Tour durch Europa ihre Fähigkeiten als Malerin, schaut sich nebenbei (oder vor allem?) nach einer Partie zum Einheiraten in die bessere Gesellschaft um – und trifft den ebenfalls stinkreichen, aber gar nicht snobistischen Nachbarsjungen von zu Hause wieder: Laurie (Timothée Chalamet). Er hat dummerweise sein Herz an Jo verloren und leidet daran, dass sie ihn zurückgewiesen hat. Das kränkelnde Nesthäkchen Beth (Eliza Scanlen) indes zeigt derweil in Concord, was für eine Pianistin sie werden könnte, und die Älteste der Schwestern, die von Emma Watson als Schöne ohne Biest gespielte Meg, muss als junge Ehefrau und Mutter jeden Cent umdrehen, würde aber allzu gerne in einem neuen Kleid neben den wohlhabenden Freundinnen glänzen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ambitionen, Restriktionen, wahre Werte und falscher Schein in einer von Männern, den Gesetzen des Marktes und menschenverachtenden Ungleichheiten beherrschten Welt: Die Schwestern wurden geboren, als im Süden des Landes noch Sklaven gehalten wurden, der Vater zog in den Sezessionskrieg. Zurück in diese Zeit der Entscheidung, sieben Jahre vor dem, was wir zu Beginn sehen, springt die Geschichte, um dann in stetem chronologischen Hin und Her (das nebenbei perfekt zur fragmentierten Aufmerksamkeit von Smartphone-Nutzern passt), den Romanklassiker „Little Women“ liebevoll, aber entschieden gegen den Strich zu bürsten, bis wir Heutigen sagen können: Ja, so hätten wir gerne, dass Louisa May Alcott ihre Geschichte für uns geschrieben hätte, so denken wir, dass sie sie selbst hätte schreiben wollen, wenn die Zeiten und die Möglichkeiten schon andere gewesen wären. Hätte sie?

          Saoirse Ronan als Josephine.
          Saoirse Ronan als Josephine. : Bild: Sony Pictures Entertainment

          Wer das Buch zur Hand nimmt, mag staunen, wie viel religiöse Erbauungsprosa es enthält, inspiriert von der allegorischen Seelenreise „The Pilgrim’s Progress“ des renitenten englischen Baptistenpredigers John Bunyan, und wie hoch im Kurs bei der von der transzendentalistischen Bewegung geprägten Schriftstellerin neben den neuenglischen Profanheiligen Emerson und Thoreau deutsche Philosophen wie Kant und Hegel oder die Weimarer Klassiker standen. Jos unwahrscheinlicher Verehrer, im Buch ein fast vierzigjähriger Gelehrter, ist tatsächlich Emissär eines Landes, wo nicht die Zitronen, aber der Geist der individuellen Freiheit, der Geist der Vernunft und der Romantik blühen. Als Sehnsuchtsland für Amerikaner in Europa hat Deutschland sich im zwanzigsten Jahrhundert selbst vernichtet; da ist es nur konsequent, dass Professor Bhaer heute von dem Franzosen Louis Garrel gespielt wird. Darüber, ob es gut war, ihn fast so jung und lebenslustig wie Laurie zu machen, lässt sich trefflich streiten.

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