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Videofilmkritik „Exodus“ : O Mann, Moses!

Scott legt los, als wolle er eine Zweitversion von „Gladiator“ im alten Ägypten vorführen. Es ist, ganz bibelgerecht, eine Bruder-Geschichte, wobei Ramses (Joel Edgerton) den Part von Commodus einnimmt, Moses den von Maximus und der Pharao Seti (ein ungehemmt chargierender John Turturro) den von Mark Aurel. Die Dialoge sind gestelzt, die Akzente (zumindest in der Originalfassung) grotesk gespreizt, die Musik von Alberto Iglesias röhrt dazu pompös, und wenn Moses seine jüdische Herkunft bewusst wird, muss das ausgerechnet unter Mithilfe von Ben Kingsley geschehen, der in seiner Karriere nun doch die eine oder andere Rolle zu viel als weiser alter Mahner übernommen hat.

Moses’ weiterer Weg durch Wüste und Verbannung in Ehe und Vaterschaft bis vor den brennenden Busch ist ja nicht nur Anhängern der Partei bibeltreuer Christen bekannt. Scott zeichnet ihn ordentlich nach, ohne dass auch nur im Ansatz greifbar würde, was die Israeliten dazu bewegt, diesem Mann zu folgen. Klar, es ist nicht so leicht heute, jemanden als charismatisch und gottgesandt zu inszenieren, aber es wäre doch eine Alternative gewesen, Moses, leicht modernisiert, als Volkstribun, als Anführer einer Befreiungsbewegung zu zeigen, der gegen die Knechtschaft rebelliert. Aber auch da ist Scott nicht viel eingefallen.

Sehr gute Arbeit bei der Darstellung der zehn Plagen

 „Exodus“ ist ja nun schon die zweite Bibeladaption in diesem Jahr nach Darren Aronofskys „Noah“, dessen Stärken leider auch eher in den fabelhaften Leistungen der Computer und in der unfreiwilligen Komik lagen als im Erzählen einer Geschichte. Der kalten Perfektion, mit der unzählige Tiere in die Arche fliegen, laufen, hüpfen und kriechen, entsprechen in „Exodus“ die bombastischen und aus jedem Winkel vorgeführten Bauten von Memphis.

Wobei man dann schon einräumen muss, dass Scott, der seit „Blade Runner“ (1982) etwas von der visuellen Gestaltung von Anti-Utopien versteht, bei den zehn Plagen, die der Herr über Ägypten kommen lässt, sehr gute Arbeit abliefert. Da schwimmen dann zum Beispiel nicht nur tote Fische im Nil, auch Krokodile tragen sehr wirkungsvoll bei zur Rötung des Gewässers - und durch einen Dialogsatz verrutscht das sofort wieder ins Komische, wenn Ramses im Tonfall eines genervten Hausmeisters fragt, wie lange es wohl dauern werde, alles wieder zu reinigen.

Leider ist auch Scotts Moses ein ziemlicher Langweiler, weil Drehbuch und Inszenierung ihn immer dort, wo er Profil gewinnen, wo er ungemütlich und polarisierend wirken könnte, gleich wieder glätten. In Aronofskys Film wurde Noah immerhin noch zum Ökofanatiker, dem Gottes Strafe nicht radikal genug war. Moses hingegen beschwert sich weinerlich bei dem ungerührt daherredenden Zehnjährigen, dass der es zu weit treibe mit den Plagen und doch wenigstens die Erstgeborenen verschonen solle. Der Film nimmt ihm dann auch noch seinen großen Wutausbruch. Man sieht das goldene Kalb nur kurz aus der Ferne; wie Moses ausrastet, das sieht man nicht.

Und man kann natürlich auch nicht davon schweigen, dass Scott im Moment der größten Herausforderung Magie durch Akribie ersetzt. Jeder, der mal in Los Angeles die Universal-Tour absolviert hat, weiß, wie das ist, wenn das Rote Meer sich teilt. Bei Scott, der für diese Sequenz auf Fuerteventura gedreht hat, wirkt das sehr prosaisch, als käme erst eine hässliche Ebbe wie im Wattenmeer und dann plötzlich ein Tsunami. Das ist so, als hätte man sich vorher vom Wetterdienst Offenbach beraten lassen, und vor allem mindert es auch noch die Wirkung der zuvor wirklich gut choreographierten Verfolgungsjagd mit Streitwagen bis ans Ufer des Roten Meeres.

Am Ende dann, nach insgesamt zähen 150 Minuten, ist man zwar nicht so erschöpft wie nach Christopher Nolans „Interstellar“, man ist mäßig amüsiert über Ramses’ perfekten Kajal-Lidstrich und das sonstige Camp-Potential, das auch in diesem Bibelfilm steckt - aber es ist eben eine seltsam leere Veranstaltung, welche gläubige Juden und Christen ebenso wenig erfreuen dürfte wie säkulare Kinogeher, die von einem Monumentalfilm eines Regisseurs wie Ridley Scott doch etwas mehr Sophistication erwartet haben.

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