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Videofilmkritik „ Augenblick der Liebe“ : Liebestaumel im Konjunktiv

Bild: F.A.Z., Alamode

Nach der Scheidungskomödie eine Liebesgeschichte: Lisa Azuelo setzt in „Ein Augenblick der Liebe“ Sophie Marceau in Szene. Aber der Aufruhr der Gefühle bleibt eine blasse Angelegenheit.

          Auf den ersten Blick hat die Schauspielerin Sophie Marceau alles richtig gemacht. Sie war Kinderstar („La Boum“), Femme fatale, Amazone, Bond-Girl, Tolstoi-Heroine und Geliebte von Mel Gibson in „Braveheart“, und seit ein paar Jahren spielt sie neben Agentinnen, Geschäftsfrauen und überdurchschnittlich gut aussehenden Allerweltsfranzösinnen auch Mutterrollen. Bei zwei Spielfilmen hat sie selbst Regie geführt, und schon 1995 erschien ihr autobiographischer Roman „Menteuse“ („Lügnerin“). Eine Bilderbuchkarriere, wenn es je eine gab.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch fragt man sich, warum man, wenn man an Sophie Marceau denkt, zwar einzelne hübsche Szenen aus der Erinnerung aufrufen kann, aber nicht das, was man vor sich sieht, wenn man die Namen etwa von Isabelle Huppert oder Sandrine Bonnaire hört - ein Lebenswerk, ein Porträt in Bildern. Es ist alles Puzzle und Schnappschuss bei Marceau, ein Patchwork von Nettigkeiten, in dem die wirklich großen, schweren Sachen fehlen, die Rollen, mit denen man sich von allen anderen unterscheidet. Hat sie es wirklich nicht gekonnt, oder wollte sie nicht?

          Im Kreis der Plappertanten

          Eine Antwort, eine von vielen, gibt Sophie Marceaus Auftritt in Lisa Azuelos’ Film „Ein Augenblick Liebe“, der zweiten Zusammenarbeit der beiden nach dem großen Erfolg der Scheidungskomödie „L.O.L.“ (2008), in der Marceau die Mutter der jungen Heldin spielte. Hier, in „Une rencontre“ (so der französische Originaltitel), ist sie abermals alleinerziehend mit halbwüchsiger Tochter, dazu eine erfolgreiche Schriftstellerin; am Anfang, nach einer Lesung, trifft sie auf einer Party einen Mann, der wie sie Lust auf einen Joint hat. Es ist François Cluzet, der hier Pierre heißt (und sie heißt Elsa), und er bezirzt sie, umtänzelt und umschwänzelt sie, probiert seine Dustin-Hoffman-Doppelgänger-Masche an ihr aus. Und sie wehrt sich nicht.

          So wie sich Sophie Marceau auch nicht gegen die Zumutungen wehrt, die ihr der Film von Azuelos im weiteren Fortgang auferlegt, die Zumutung beispielsweise, dass die Frau des Anwalts Pierre, ihre Rivalin, von der Regisseurin selbst gespielt wird (angeblich hat sie keine bessere Akteurin gefunden), oder dass die Erfolgsautorin Elsa mit drei Plappertanten, die wie aus einem billigen Friseursalon zusammengecastet wirken, eine Bistro-Freundinnen-Runde bilden muss. Und sie sträubt sich auch nicht gegen die Wendung, die der Film als Ganzes nimmt, eine Wendung, die dem, was wir am französischen Kino schätzen und lieben, eine puritanische Nase dreht.

          Lisa Azuelos hat nämlich eine Idee: Sie will das, wovon Chabrol und Truffaut, Lelouch und Sautet so glühend erzählt haben, den Aufruhr der Gefühle, den zerstörerischen Wirbel der Liebe, zugleich zeigen und zurücknehmen. Deshalb setzt sie die Liebesgeschichte in den Konjunktiv, malt sie in bonbonbunten, in Musiksoße getauchten, mit hysterischer Kamera gefilmten Traumsequenzen aus, während das Leben ringsum ungerührt weitergeht. Es ist also nicht das Glück - oder die Hölle - der Leidenschaft, die hier versprochen (und vermieden) werden, sondern der Kitsch von der Hollywood-Stange. Dass das alles nur im Kopf der Liebenden stattfindet, ist keine Entschuldigung: Auch Träume verdienen Kritik.

          Strahlkraft der Projektion

          Und Sophie Marceau lässt sich alles gefallen, die ältliche Moral der Geschichte ebenso wie den verblühten Charme ihres Partners Cluzet, die Einfältigkeiten des Soundtracks wie die des Skripts. Vielleicht liegt das Geheimnis der wirklich großen Stars darin, dass sie der Kamera Widerstand leisten, dass sie sich von den Wünschen ihrer Regisseure nie ganz vereinnahmen lassen. Sophie Marceau dagegen hat immer nur als Projektionsfläche funktioniert, für uns wie für die Industrie des Kinos. Und je stärker die Projektion ist, desto heller leuchtet auch sie.

          In „Jenseits der Wolken“, unter dem Blick von Antonioni und Wim Wenders, hat sie eine kleine Rolle als Verkäuferin in Portofino, die einem Regisseur auf Italien-Reise (gespielt von John Malkovich) auf der Straße auffällt. Er folgt ihr, geht mit ihr ins Café, sie erzählt ihm, dass sie ihren Vater ermordet hat und dass er, der Regisseur, ihm ähnlich sehe, und dann gehen sie in ihr Apartment und schlafen miteinander. Zehn Minuten Liebe, Verbrechen und Geheimnis: Etwas Besseres hat Sophie Marceau nie gespielt.

          In jedem schlechten Film, heißt es, stecke ein guter, der nicht zur Welt gekommen sei. Den guten Film, der aus „Ein Augenblick Liebe“ hätte werden können, gibt es allerdings schon. Er heißt „Die Frau nebenan“, Frankreich 1981, mit Fanny Ardant und Gérard Depardieu unter der Regie von Truffaut. Die Geschichte geht tragisch aus, Motto: „Weder mit dir noch ohne dich“. Kein Konjunktiv. Das Leben.

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