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Video-Filmkritik zu „Joker“ : Ganz unten flackert ein Grinsen

  • -Aktualisiert am

Bild: Warner Bros

Es gibt Neues vom berühmtesten Gegenspieler Batmans: Der Film „Joker“ von Todd Phillips führt den Superschurken-Mythos zum Nullpunkt.

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          Von New York nach Gotham City kann man nicht reisen. Es gibt keinen Zug, der von der einen Stadt in die andere fährt, keine U-Bahn über die 110. Straße hinaus oder über die Brooklyn Bridge hinüber. Man kann nur eines tun: sich inmitten der Häuserschluchten von New York ganz klein machen, den Lärm auf sich einwirken lassen und sich überlegen, wie diese Stadt aussehen würde, wenn sie in die andere Richtung wüchse.

          Nicht in den Himmel, sondern nach unten, in die Verliese der Zivilisation, in die Kanalisation der Begierden, in die Schächte des Unheimlichen. Das New York der Reichen und der Touristen wäre dann nur der sichtbare Teil einer Dualität, die von einem archaischen Gesetz erzählt: zu jedem Kuss auf der Aussichtsplattform auf dem Empire State Building gibt es irgendwo im Bauch der Stadt eine einsame Seele, die nicht aus oder ein weiß.

          Was an „Joker“, dem neuen Film über den berühmtesten Gegenspieler von Batman, zuerst auffällt, ist ebendies: Zwischen New York und Gotham City gibt es kaum einen Unterschied. Da es sich im weiteren Sinn um eine Geschichte aus dem DC-Comic-Universum handelt, ist der Schauplatz natürlich Gotham City. Der Regisseur Todd Phillips kassiert aber das meiste ein, was nach Dystopie aussehen könnte, und begibt sich in eine Stadt, die am ehesten filmhistorisch zu bestimmen wäre: „Mean Streets“ von Martin Scorsese ist eine Markierung.

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          Man könnte aber auch an „Welfare“ denken, den großen Dokumentarfilm von Frederick Wiseman aus dem Jahr 1975 über die Sozialhilfe in New York als ein System der Vermittlung zwischen einer anonymen Masse, aus der immer wieder prägnante Gesichter heraustreten, und einem Apparat, der diesen Ansprüchen so etwas wie Fairness entgegenzubringen versucht.

          Auch in „Joker“ geht es zu Beginn um eine Begegnung zwischen einem Klienten und einer Betreuerin: Arthur Fleck ist ein schwieriger Fall. Ein nicht mehr ganz junger Mann mit psychischen Problemen. Eines seiner Syndrome ist für den Film zentral, er trägt deswegen sogar eine Karte mit sich herum, die, wie bei Diabetikern oder Allergikern, Passanten oder Hilfeleistende aufklären soll: Arthur Fleck muss häufig lachen. Und zwar ohne Grund. Er hat eine Art Lachzwang, der ihn oft in den unpassendsten Momenten überfällt. Arthur ist ein Sklave seines Zwerchfells.

          Verwandte Opfer oligarchischer Hybris

          Die Rippen von Joaquin Phoenix erheben sich über den Körperteil, aus dem das Lachen kommt, wie zwei Drachenflügel, die in die falsche Richtung gewachsen sind. Für den ohnehin auf extreme Rollen abonnierten Star ist Arthur Fleck eine weitere große Show: mit eingefallenem Gesicht und ausgemergeltem Leib spielt er einen Schmerzensmann, der irgendwann alles in ganz großem Stil zurückgeben wird an eine Welt, die von ihm erst dann Notiz nehmen wird.

          „Joker“ zeigt nur ein paar erste Schritte auf dem Weg zu der Figur, die aus den „Batman“-Filmen kanonisch ist und die davor vor allem durch Jack Nicholson und Heath Ledger schon Verkörperungen gefunden hat, an denen auch ein Joaquin Phoenix nicht einfach vorbeispielen kann. Er arbeitet sich offensichtlich an der Rolle ab. Wie nebenbei, und mit melancholischer Beiläufigkeit, absolviert „Joker“ auch die Stationen der Genealogie: an einer Stelle steht dann ein Freak vor einem Jungen, getrennt durch ein Tor, wie es seit Urzeiten die Reichen und Anmaßenden von den Erniedrigten und Beleidigten getrennt hat. Bruce Wayne und der Joker als zwei ganz und gar verschiedene, aber doch auf eine Weise verwandte Opfer oligarchischer Hybris.

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