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Video-Filmkritik zu „Joker“ : Ganz unten flackert ein Grinsen

  • -Aktualisiert am
Der „Joker“ ist einsam nicht nur als Einzelgänger: Die heillose Mob-Metropolis setzt dem Schmerzensmann zu.

Zynische Verwandlung von Referenzen in Trophäen 

Die Batman-Filme aus der jüngeren Vergangenheit waren von Beginn an große Autorenstücke, aus denen eigenwillige Filmkünstler wie Tim Burton oder Christopher Nolan sehr persönliche Visionen machten. Daran misst sich nun Todd Phillips, bekannt geworden vor allem als Mann hinter der „Hangover“-Trilogie, also einem ganz anderen Genre. Sein „Joker“ ist imposant, und doch wird man nie so ganz den Eindruck einer Überkompensation los. Im heutigen Hollywood-Kino zeigt sich diese sehr häufig zuerst einmal als Understatement, als Untertreibung, als bewusste Lakonie. Und so agiert auch Joaquin Phoenix: in der ersten Szene zeigt er zuerst einmal nur einfach seine Maske, einen Clown, dessen aufgemaltes Lächeln er dann zu einer Groteske verzerrt.

Arthur Fleck ist ein Mann, der niemand zum Lachen bringen kann, da kann er noch so manisch Witze in ein Notizbuch kritzeln. Er ist einer, der immer einsteckt – ob man die Jugendlichen, die ihn zu Beginn misshandeln, tatsächlich auf den Fall der Central Park Five beziehen muss, wie es der amerikanische Kritiker Richard Brody in einem prominenten Verriss von „Joker“ getan hat, ist diskutabel. Aber tatsächlich ist das einer der Punkte, an denen das Understatement von Phillips schon in das Gegenteil umschlägt: in eine potentiell zynische Verwandlung von Referenzen in Trophäen. „Joker“ sammelt Verweise auf die düstersten Jahre von New York und lässt sie in Gotham City zu vagen Revolutionsmotiven werden, ihrer politischen Sprengkraft beraubt.

„Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ sind die tragenden Stützpfeiler der Konstruktion

Stattdessen packt Phillips dann die großen Filmzitate aus. In einer zweifellos beeindruckenden Szene trifft Fleck in einem prächtigen Kino auf den Vater von Bruce Wayne. Er wird, so filmt Phillips das, zu einem Schatten von Charlie Chaplin, der in „Modern Times“ durch das System flutscht, während Arthur Fleck von den schon nicht mehr modernen, sondern offensichtlich neoliberalen Zeiten ausgespien wird. Die Linie durch die Erzählung entspricht aber vor allem dem Frühwerk von Martin Scorsese: „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ sind die tragenden Stützpfeiler der Konstruktion bei Todd Phillips (der das Drehbuch gemeinsam mit Scott Silver geschrieben hat). Robert DeNiro in der Rolle eines Talkshow-Hosts ist nun auf der anderen Seite – er ist jetzt das Relikt, an dem sich das Faktotum stößt.

Da arbeitet sich also ein Star-Regisseur des neueren Hollywood, Jahrgang 1970, gar nicht an den Konkurrenten ab, die vor ihm das Batman-Universum im Kino geprägt haben. Er ruft vielmehr eine Ära auf, die vor der Gegenwart der Sequels und Prequels, der Franchises und Reboots lag und die er nun als Untergrund für die Kinogegenwart zu revitalisieren versucht.

Eine heillose Mob-Metropolis

Das New Hollywood der siebziger Jahre ist ein naheliegender Sehnsuchtsort für einen Absprung aus einer komplizierten Gegenwart, aus der Phillips offensichtlich nur die allergröbste Chiffre, nämlich den großen Ausbeuter, übernehmen wollte, nicht aber die Signale einer revolutionären Vielfalt, von denen gerade auch das Blockbusterkino zunehmend geprägt ist.

Der „Joker“ ist einsam nicht nur als Einzelgänger, sondern auch in dem, was ihm gegenübersteht: eine heillose Mob-Metropolis, die nun wirklich mit New York nichts mehr zu tun hat. „Joker“ ist vielleicht gerade deswegen ein großartiger Nullpunkt für einen Widersacher-Mythos, weil er sich in dessen Einsamkeit so verbeißt, dass er alle Allegorie, alle Zeichenhaftigkeit einbüßt und irgendwann nur noch panisch auf das Zucken im vegetativen System lauert.

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