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Video-Filmkritik : Zwischen Himmel und Hölle: „Yella“

Andererseits hat sich Petzold, der seit zwölf Jahren mit der Produktionsfirma Schramm Film und dem Kameramann Hans Fromm zusammenarbeitet, eine künstlerische Unabhängigkeit bewahrt, von der seine erfolgreicheren Kollegen nur träumen können. Tom Tykwers Handschrift war in der Miramax-Produktion „Heaven“ mit Abstrichen, in dem Eichinger-Projekt „Das Parfum“ nur noch mit Mühe erkennbar, während Petzold seit der „Inneren Sicherheit“ nur noch seinem eigenen Kopf zu folgen scheint. In die Drehbücher, die er gemeinsam mit seinem früheren Lehrer Harun Farocki schreibt, redet ihm kein Produzent und in die Besetzung kein Fernsehredakteur hinein. So ist Christian Petzold der wichtigste Vertreter jenes Autorenkinos geworden, das seit zwanzig Jahren immer wieder totgesagt wird und doch nie ganz verschwinden wird. Der Autorenfilm lebt, er blüht sogar. In diesem Jahr heißt er „Yella“.

Tanz mit der Kamera

Nina Hoss ist Yella. Eine Schauspielerin wie sie hat das deutsche Kino seit Hanna Schygulla und Barbara Sukowa nicht mehr gehabt, weshalb es seltsam unpassend wäre, ihren Auftritt mit dem anderer Schauspieler zu vergleichen. Der Film ist ihr Tanz mit der Kamera, so wie die Geschichte Yellas Traum ist. Und doch spürt man, dass dieser Tanz auch eine intellektuelle, keine rein instinktive Leistung ist. Petzold lässt seiner Hauptdarstellerin die Freiheit, ihrer Figur eine eigene Form zu geben. Bei den Dreharbeiten fiel eine ganze Sequenz weg, weil sie nicht zu Nina Hoss' Verständnis der Rolle passte. Wenn man die Schauspielerin und ihre Kollegen über die Arbeit mit Petzold sprechen hört, klingt es wie ein Bericht aus dem Schlaraffenland. Kein anderer deutscher Regisseur, scheint es, vertieft sich mit seinen Akteuren so sehr in die Geschichte, die er erzählen will. Wenn dann gedreht wird, genügen meistens ein oder zwei Takes, und dennoch ist jedes Bild perfekt.

Yella kommt nach Hannover, um ihren Job anzutreten. Aber die Firma, bei der sie anfangen sollte, ist bankrott, das Hotel auf dem Expo-Gelände, für das sie ihr letztes Geld ausgegeben hat, wird zur Falle. Da trifft sie Philipp (Devid Striesow), der für eine Private-Equity-Firma Unternehmensbeteiligungen aushandelt. Er heuert Yella als Begleiterin bei seinen Deals an. Sie wird seine Komplizin, dann seine Geliebte. Gemeinsam lehren sie die Herren in den dunklen Anzügen auf der anderen Seite des Tisches das Fürchten. Und schließlich verrät er ihr seinen Traum, den Traum vom großen Geld.

Aber vorher hat Yella wieder den Raben schreien gehört, am Ufer der Elbe bei Wittenberge, wohin sie mit Philipps Wagen gefahren ist. „Und es war, als ginge ihr was nach, als müsse sie was Entsetzliches erreichen, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihr.“ Das ist nicht von Petzold, sondern von Büchner. Aber es passt gut in diesen Film, der vom Glücksversprechen des Geldes handelt und vom Wahnsinn, der sich hinter diesem Glück verbirgt. Am Ende, als Yella für diesen Wahn zur Mörderin geworden ist, versucht sie aus ihrem Traum zu fliehen. Aber es gibt kein Zurück nach Wittenberge. Nimmermehr. Das letzte Wort hat der Fluss.

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