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Video-Filmkritik : Zwischen Himmel und Hölle: „Yella“

Germanist, Cineast, Regisseur

„Einsamkeit ist die Anwesenheit eines Körpers im Raum.“ Christian Petzold sitzt in einem Café in Kreuzberg, als er diesen Satz sagt, und er spricht ihn so beiläufig aus, wie andere Regisseure „Cut!“ oder „Action!“ sagen. Petzold ist Germanist, er ist Cineast, und er ist Filmregisseur, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber doch zu ungefähr gleichen Teilen, und das merkt man seinen Filmen an. Nicht dass sie geschwätzig oder selbstverliebt wären, wie es die Werke von allzu gebildeten Filmemachern häufig sind, im Gegenteil: Petzolds Kino ist ein Muster an Ökonomie und Geradlinigkeit, an Knappheit und Präzision.

Aber hinter diesem Rigorismus verbirgt sich eine Spielernatur. Jeder Petzold-Film ist auch eine Wundertüte von Zitaten, Anspielungen, Hommagen an die Klassiker des Kinos. Etwa die dunkle Perücke, die Nina Hoss in „Wolfsburg“ (2002) trägt und die an Brigitte Bardot in Godards „Verachtung“ erinnert. Oder der Name Yella. Yella Rottländer hieß vor dreißig Jahren die kindliche Hauptdarstellerin in „Alice in den Städten“ von Wim Wenders, einem Film, der auf ähnliche Weise wie „Yella“ vom Verlorensein in der Welt erzählt. Zugleich ist Yella ein Anagramm von Leyla, der Figur, die Nina Hoss vor sieben Jahren in dem Fernsehfilm „Toter Mann“ gespielt hat, dem Beginn ihrer Zusammenarbeit mit Christian Petzold.

Der ideale Fluchtpunkt

Damals, sagt Petzold, habe er in Wittenberge an dieser Geschichte eines privaten Rachefeldzugs von West nach Ost gearbeitet und sich gefragt, wie eine Filmerzählung aussehen könnte, die in umgekehrter Richtung verliefe. Wasser, das Medium der Verwandlung und der Reflexion, sollte eine Rolle spielen darin. Und Geld. Es war das Jahr, bevor an der Börse die Jahrtausendblase platzte, die große Zeit der Kleinaktionäre und Venture-Kapitalisten. Schon damals spürte der Osten nichts vom Spekulantenglück. Die Welt, in der Yella lebt, hat den Boom verpasst. Das macht sie zum idealen Fluchtpunkt des Geschehens.

Im Februar, auf der Berlinale, gewann Nina Hoss für ihre Rolle in „Yella“ einen Silbernen Bären. Petzold bekam nichts, wie so oft schon. Für „Wolfsburg“ und „Toter Mann“ hat er je einen Grimmepreis erhalten und für „Die innere Sicherheit“ den Hessischen Filmpreis, aber auf den großen Festivals geht er regelmäßig leer aus. Wann für ihn endlich „der große Rums“, der endgültige Durchbruch komme, hätten ihn die Interviewer des „Spiegels“ gefragt, erzählt Petzold am Kreuzberger Cafétisch. Er habe mit den Schultern gezuckt. Der große Rums ist nicht Petzolds Ziel. Er will es nicht krachen lassen, sondern den Ball spielen, den das Kino ihm zuwirft, wie der Fotograf in Antonionis „Blow up“.

Der Boom ging an ihm vorbei

Einer, der den großen Rums schon hinter sich hat, ist Tom Tykwer, mit dem Petzold viele Generationserfahrungen gemeinsam hat: die Kindheit in einem Ort bei Wuppertal, die Filmclubs, die Begeisterung für amerikanische Genrefilme und die Nouvelle Vague, den Umzug in die Kinostadt Berlin. Aber während Tykwer 1993 sein Kinodebüt „Die tödliche Maria“ drehte, studierte der fünf Jahre ältere Petzold noch an der DFFB Regie. Die sechs Jahre Filmstudium, sagt Petzold, hätten seinen Blick für die Ideen hinter den Bildern geschärft, die Lügen des „Bescheidwisserkinos“, die falschen Zwänge der Opulenz. Anschließend musste er erst lernen, aus seinem Wissen ein Können zu machen. Nach drei Fernsehfilmen („Pilotinnen“, „Cuba libre“, „Die Beischlafdiebin“) bekam er das Geld für sein erstes Kinoprojekt. Aber obwohl „Die innere Sicherheit“ von fast jedem Kritiker in Deutschland gefeiert wurde, ging er bei der Bundesfilmpreis-Tombola leer aus. Der neue Boom des deutschen Films, der Preissegen für Caroline Link, Wolfgang Becker, Florian Henckel von Donnersmarck und Fatih Akin ist an Christian Petzold vorbeigegangen.

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