https://www.faz.net/-gs6-now7

Video-Filmkritik : Zwei Schwerter für ein Ave Caesar: „Der Adler der neunten Legion“

Bild: Condorde

„Der Adler der neunten Legion“ basiert auf dem Romanklassiker von Rosemary Sutcliff. Doch Regisseur Kevin Macdonald inszenierte lieber kampflastiges Sandalenkino.

          Nur ein Narr kann glauben, Action im Kino sei eine Sache für Grobiane. Die Germanenschlacht am Anfang von Ridley Scotts „Gladiator“ beispielsweise ist ein Wunderwerk filmischer Choreographie: zuerst der Vormarsch der Römer, hügelaufwärts, in Schildkröten-Formation; dann der Gegenschlag der Barbaren, der die Legionäre ins Wanken bringt; der Einsatz der schweren Katapulte, die Feuerkugeln auf die bärtigen Krieger schleudern; schließlich der Angriff der römischen Reiterei aus dem Hinterhalt, der das Gefecht entscheidet.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Oder der Überfall der Sachsen auf die römische Nachhut in Antoine Fuquas „King Arthur“: wie die dünne Eisfläche eines Sees zum letzten Bollwerk der Verteidiger wird - und wie das Sachsenheer (angeführt von Til Schweiger!) auf den schwankenden Eisschollen seinen Zusammenhalt verliert und sich in Knäuel von Ertrinkenden, Flüchtenden, ermattet Weiterkämpfenden auflöst. In der frühen Zeit des Tonkinos war der Western die Domäne der Gewaltvirtuosen, heute sind es der Kostüm- und der Schwertkämpferfilm, aber an der Tatsache, dass das Blutvergießen vor der Kamera eine hohe Kunst ist, hat sich dabei nichts geändert.

          Deshalb kann man den Anfang von Kevin Macdonalds Jugendbuchverfilmung „Der Adler der Neunten Legion“ nicht genug loben. Man sieht eine Abteilung römischer Soldaten, eng zusammengedrängt, auf einem Flusskahn durch die britannische Wildnis gleiten; an einer Furt stockt die Bewegung, weil ein Knabe, blond und weiß gekleidet wie eine göttliche Erscheinung, seine Rinder durch das flache Wasser treibt. Dann rücken die Römer in ein Grenzlager ein, und der Blick der Kamera, aus Grasbüschelhöhe auf das Fort gerichtet, verrät, dass sie dabei beobachtet werden. Der neue Centurio lässt Graben und Wall verstärken; in der Nacht greifen die Briten an. Sie werden zurückgeschlagen, doch eine Patrouille, auf Nahrungssuche ausgeschickt, fällt in ihre Hände. Um sie zu befreien, befiehlt der Centurio seinen Männern, den testudo, die altbekannte „Schildkröte“, zu bilden, und bricht mit ihnen aus dem Lagertor hervor.

          Streitwagen mit rotierenden Sichelachsen

          Jetzt ist Anthony Dod Mantles Kamera überall: im Gedränge der Schilde, die sich wie ein Dach über den Römern wölben, in den Reihen der Briten, die mit Speeren und Schwertern den hölzernen Panzer zu durchstechen versuchen, und hoch in der Luft, von wo aus das Schlachten wie ein bizarrer Massentanz aussieht. Als vom Waldrand Streitwagen mit rotierenden Sichelachsen heranrollen, zeigt sie die Kamera zuerst aus der Sicht der Legionäre, die vor dem drohenden Anprall zurückweichen, dann schwingt sie sich auf eins der Gefährte und rast mit ihm auf die Festung zu. Der Centurio - er ist der Held der Geschichte - ergreift einen Speer und tötet den Wagenlenker, das Gespann bricht über ihm zusammen, Pferdeleiber fliegen durch die Luft, dann wird die Leinwand schwarz.

          Es gibt, wie gesagt, keinen Grund, das Könnertum, das sich in solchen Bildern zeigt, kleinzureden, und Rosemary Sutcliff, die Autorin der Romanvorlage, hätte den ästhetischen Aufwand der Testudo-Sequenz sicher zu schätzen gewusst. Denn ihr ging es vor allem um Genauigkeit: bei der Rekonstruktion des antiken Britannien ebenso wie bei der Schilderung der Innenwelt ihrer Hauptfiguren. „The Eagle of the Ninth“, Sutcliffs bekanntestes Buch, war auch deshalb so erfolgreich, weil es die historisch dichte Beschreibung römischer Lebenswelten mit einer Parabel über Freundestreue, Opfermut und den Aufbruch ins Ungewisse verband, mit der seine jugendlichen Leser sich identifizieren konnten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil : EZB-Anleihenkäufe sind rechtens

          Die umstrittenen billionenschweren Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank verstoßen nach einem EuGH-Urteil nicht gegen EU-Recht. Eine Niederlage für deren Kritiker.

          Brexit : Jetzt reicht’s!

          Premierministerin Theresa May verschiebt die Abstimmung über den Brexit-Deal – die Zukunft auf der Insel bleibt weiter unklar. Viele Londoner können das nicht fassen – Beobachtungen aus einer genervten Stadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.