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Video-Filmkritik : Zurück in die Zukunft: „Source Code“

Bild: Kinowelt

Duncan Jones' Science-Fiction-Film „Source Code“ erzählt eine etwas unplausible Geschichte, die einen Kampfpiloten in die Vergangenheut schickt, dem Zuschauer dabei jedoch gefährlich nahe rückt.

          2 Min.

          Die Nachricht eines Bombenanschlags im Fernsehen. Das Bild eines Zugs, der sich durch eine idyllische Landschaft schlängelt. Das Gesicht von Jake Gyllenhaal, schlafend gegen ein Zugfenster gelehnt. Gyllenhaal wacht auf. Blickt sich um. Scheint niemanden zu erkennen. Die Frau ihm gegenüber spricht ihn an. Eine andere verschüttet ihren Kaffee auf seinen Schuh. Einem Mann fällt die Tasche herunter, Papiere verteilen sich auf dem Boden im Gang. Der Schaffner kommt. Die Frau greift Gyllenhaal in die Brusttasche und zieht seine Fahrkarte heraus. Was ist hier los? Wer ist wer?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gyllenhaal jedenfalls ist offenbar nicht der, für den er sich hält. Nicht Colter Stevens, der Kampfpilot, dessen letzte Erinnerung der Absturz seines Black Hawks irgendwo in den Bergen Afghanistans ist. Wenn er im Waschraum des Zugs in den Spiegel schaut, blickt ihn ein fremdes Gesicht an. Auch der Ausweis in seiner Tasche zeigt diesen Fremden. Dann explodiert der Zug. War das nicht längst geschehen, zu Beginn des Films?

          Duncan Jones hat mit „Source Code“ einen Science-Fiction-Film gedreht, bei dem die Vorgabe so unglaublich ist, dass es uns schwer fällt, ihr zu folgen. Eine Weile aber kennen wir sie noch gar nicht. Wir erleben nur, wie immer wieder dieselbe Szene abläuft, die Minuten, bevor der Zug explodiert. Nach der Explosion wacht Gyllenhaal in einer Art Kapsel auf, und ein Gespräch mit einer Frau in Uniform (Vera Farmiga) beginnt. Sie fragt ihn, ob er etwas Außergewöhnliches bemerkt habe. Ob er einen Verdacht habe, wer den Anschlag verübt hätte. Und schickt ihn dann zurück in den Zug, auf den Sitz gegenüber Christina (Michelle Monaghan), zurück zum verschütteten Kaffee, den auf dem Boden verteilten Papieren.

          Das technisch Unwahrscheinliche

          „Source Code“, das ist die Vorgabe, der wir glauben müssen, ist eine militärische Erfindung, die es ermöglicht, einen Toten für acht Minuten in den Körper eines anderen zu schicken - acht Minuten, zu denen mithilfe einer nicht näher beschriebenen Technik jene acht Sekunden gedehnt werden konnten, die das Gehirn, so heißt es im Film, nach dem Tod noch aktiv ist. Und tot sind sie alle. Gyllenhaal, der Kampfpilot, ebenso wie die Reisenden im Zug und der Mann, dessen Gesicht er nicht erkennt und in dessen Körper er sich bewegt.

          Die Frage bei solchen Geschichten ist ja nicht nur, ob wir ihren Prämissen glauben. Entscheidend ist, ob die Fragen, die sich aus ihnen ergeben, unser Interesse binden. Ob jenseits des technisch Unwahrscheinlichen etwas geschieht, das uns berührt. So ist es hier, etwa wenn wir die zunehmende Zärtlichkeit in den Blicken zwischen Gyllenhaal und Michelle Monahan beobachten oder Gyllenhaals Verzweiflung darüber aufsteigen sehen, dass seine Mission nicht darin besteht, in seiner Zeitreise zurück die Explosion des Zugs zu verhindern. Das schafft selbst Source Code nicht. Sondern dass es darum geht, den Attentäter zu finden, der nach dem Zug, an dem er sozusagen übte, ganz Chicago in die Luft sprengen will. Das heißt, die Frage, die uns in all dem Unmöglichen, dem wir hier folgen, bewegt, ist ganz von dieser Welt: Gäben wir, um einen Menschen zu retten, eine ganze Stadt dem Verderben preis?

          Unglaubliche Konstruktion

          Diese Möglichkeit gibt es nicht. Das Attentat kann nicht rückgängig gemacht, Christina und die anderen können nicht gerettet werden. Aber letztlich ist dies das Einzige, was Gyllenhaal tatsächlich will. Dann geschieht etwas ganz Unerwartetes: Die Militärtechnokratin entdeckt ein Gefühl. Und handelt danach.

          So ist „Source Code“ zwar ein Film, dessen Vorgaben keinerlei Plausibilität haben. Aber innerhalb dieser unglaublichen Konstruktion erzählt er uns von Menschen, tot oder lebendig, deren Gefühle wir erkennen, deren Konflikte wir teilen, um die wir uns sorgen und denen wir nahekommen.

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