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Video-Filmkritik : Zur Lage der Nation: Eastwoods „Gran Torino“

Bild: Warner Bros. Pictures

Clint Eastwood bringt den zweiten Film innerhalb eines Jahres ins Kino: Es könnte der letzte sein, in dem er als Schauspieler auftritt. „Gran Torino“ ist ein Film zur Lage der Nation. Nicht hoffnungslos, aber sehr ernst.

          Clint Eastwood ist ein altmodischer Filmemacher. So heißt es spätestens seit seinem Film „Der fremde Sohn“, der noch in unseren Kinos zu sehen ist (Oscar-Kandidatin Angelina Jolie in Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“ ). Eastwood ist inzwischen achtundsiebzig, altmodisch zu sein wäre also sozusagen die natürliche Entwicklung. Und doch liegt dem Vorwurf, der es wohl sein soll, ein großes Missverständnis zugrunde. Eastwood interessiert sich zwar in der Tat nicht dafür, was gerade filmisch oder thematisch in Mode ist. Er greift zurück auf bewährte Genres, er konzentriert sich auf seine Geschichte, die Figuren in ihr und die Schauspieler, die sie spielen. Die meist jazzige Musik, die er oder ein Mitglied seiner Familie oft selbst komponieren, hat erzählende Funktion, wie überhaupt alles in Eastwoods Filmen den Geschichten dient, um die es ihm geht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und das sind sehr spezielle Geschichten, in die immer hineinragt, was zumindest Amerika aktuell beschäftigt, ohne dass man sagen könnte, es ginge in ihnen um Immigration, Arbeitslosigkeit, Geschlechterrollen, Kriminalität oder dass sie irgendwie sonst ein Thema hätten, das durchbuchstabiert würde. Eastwoods Geschichten finden an den Schnittpunkten statt, an denen Gegenläufiges sich trifft, Mutterliebe und Korruptheit etwa im „Fremden Sohn“, so dass sich Wirklichkeit in die Geschichte schleicht, wo bei minderen Regisseuren Formelhaftes durchschiene. Altmodisch ist das nicht. Klassisch schon eher.

          Nicht der Film zur Krise

          Jetzt bringt Clint Eastwood den zweiten Film innerhalb eines Jahres ins Kino. Er heißt „Gran Torino“, aber er ist nicht der Film zur Krise der Automobilindustrie, was wichtig zu erwähnen ist, um die Erwartungen nicht in die falsche Richtung zu treiben (wie es bei Tom Tykwers „International“ passiert ist, der als Film zur Bankenkrise ausgerufen wurde und dann eben doch einfach ein Thriller war, wie er es von Anfang an sein wollte).

          Eastwood also spielt den ehemaligen Automobilarbeiter Walt Kowalski, der am Rand von Detroit lebt, immer schon, wie es scheint, während alle anderen weißen Einwohner die Gegend längst verlassen und den asiatischen Einwanderern überlassen haben, von denen Kowalski sich umzingelt fühlt. Banden terrorisieren das Viertel, und selbstverständlich ist auch Walt Kowalski einer, der bewaffnet ist. Kowalski ist ein Rassist, nicht zimperlich, wenn es um die Anwendung körperlicher Gewalt geht, außerdem hustet er schlimm, und zwar Blut, und er hasst so ziemlich alles, was ihn umgibt.

          Beschützer und Ersatzgroßvater

          Da ist zunächst der Pfarrer (Christopher Carley), denn der Film beginnt mit der Beerdigung von Kowalskis Frau, und der sehr junge Pfarrer redet großen Unsinn über Leben und Tod. Dann sind da Kowalskis Sohn und dessen Frau, die ihn am liebsten in einer betreuten Wohneinrichtung unterbringen würden, weil sie keine Ahnung haben, wie sie den Kontakt halten könnten, für den offenbar die tote Mutter zuständig war. Und dann sind da vor allem die Nachbarn, eine südostasiatische Großfamilie vom Volk der Hmong mit einer Alten, die auf der Terrasse sitzt und weiter spucken kann als Kowalski, und einer Reihe von Enkeln, die Kowalskis Feindseligkeit nicht für bare Münze nehmen, was einerseits ein Irrtum ist, andererseits aber die Entwicklung möglich macht, die der Film dann nimmt.

          Denn Kowalski wird langsam und über dramatische Zwischenfälle hinweg Beschützer und Ersatzgroßvater für zwei der Hmong-Kinder, ein hochintelligentes Mädchen und einen verunsicherten Jungen. Der Gran Torino, den Kowalski bei Ford eigenhändig zusammengebaut hat und den er besser pflegt als seine verwandtschaftlichen Beziehungen, spielt zwar eine Rolle als Erinnerung an eine Zeit, die Kowalski noch verstanden hat, und als Auto natürlich, das noch fährt und große Bewunderung hervorruft, aber nicht als Reminiszenz an etwa bessere Zeiten. Nur an übersichtlichere.

          Die Möglichkeit der Veränderung

          Denn zu Kowalski gehört auch seine Vergangenheit im Koreakrieg und die Erfahrung, getötet zu haben, und die lässt ihn bis zum Schluss nicht los. Eastwood spielt das von einer großen Palette voller Ausdrucksmöglichkeiten aus, die sich nur in Nuancen unterscheiden, ein Zusammenkneifen der Augen hier, ein Herunterhängenlassen der Mundwinkel dort, ein leichtes Heben der Nase, ein kurzes Öffnen der Lippen, ein Zucken in der Stirn, ein Blähen der Nasenflügel und immer wieder das kurze scharfe Einsaugen des Zigarettenrauchs mit zusammengekniffenem Mund. Kowalski, wie Eastwood ihn spielt, mag verbohrt sein, unbeweglich, verbittert. Aber in der Komplexität, die Eastwood seiner Mimik und Körpersprache gibt, liegt bereits die Möglichkeit der Veränderung. So kommt es, und nur deshalb hat Eastwoood diese Geschichte erzählt. Weil sie von einem handelt, der sich ändern kann.

          In all den Filmen, die Eastwood in den vergangenen Jahrzehnten als Regisseur gedreht hat, geht es vor allem darum: dass die Menschen sich ändern können, sei es in ihrem Blick auf die Geschichte wie in seinen Pazifik-Kriegsfilmen „Flags of Our Fathers“ (Video-Filmkritik: „Flags of Our Fathers“) und „Letters from Iwo Jima“ (Im Kino: Clint Eastwoods „Letters from Iwo Jima“) oder in ihrer patriarchalen Verknöcherung wie in „Million Dollar Baby“ (Im Kino: „Million Dollar Baby“), um bei den letzten zu bleiben. Und natürlich ist die Versuchung groß, sich zurechtzulegen, dass dieser Walt Kowalski eine Art Dirty Harry sei, der das Gesetz immer noch in die eigene Hand nähme und sich am Ende läuterte - aber wahrscheinlich ist es eher so, wie Eastwood sagt: dass er ein gutes Drehbuch erkennt, wenn er es in die Hände bekommt. Aus dem guten Buch von „Gran Torino“ hat er einen Film gemacht, der auch heißen könnte: zur Lage der Nation. Nicht hoffnungslos, aber sehr ernst.

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