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Video-Filmkritik : „Verräter wie wir“ gehen den kurzen Geheimdienstweg

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Studiocanal

Ein grobschlächtiger russischer Partylöwe zieht einen feingliedrigen Professor für Poetik in eine globale Intrige hinein: Die John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ setzt auf Typenbildung statt Tiefenblick.

          Das mit dem Vorsprung der Fiktion gegenüber den Tatsachen, das war einmal. Wer heute einen Thriller schreibt, der nicht auf entfernten Planeten spielt, sondern zum Beispiel in London, muss sich vorsehen, dass so ein Buch nach einer Saison nicht schon Makulatur ist. Überholt von einer entfesselten Wirklichkeit, die den Panikattacken des Kapitals, dem Irrsinn der Frommen und den Manövern der Mächtigen kaum mehr hinterherkommt.

          Der Autor John le Carré hält von alldem unbeirrt an dem Genre des faktensatten, plausiblen Romans fest. Es sind bei ihm in der Regel die Geheimdienste, von denen alles abhängt: Recht und Wahrheit stehen im Zeichen der Doppelagentur, nie weiß man mit letzter Sicherheit, wer welches Spiel spielt. 2010 erschien „Verräter wie wir“, der nun von Susanna White für die Leinwand, aber vor allem wohl für den mitproduzierenden Videokanal Amazon Prime adaptiert wurde.

          Moskau und London sind die Koordinaten in einer Geschichte, die dem Weg des Geldes von Osten nach Westen folgt, dazwischen gibt es Stationen in Marrakesch und in den Schweizer Alpen. Ausgerechnet ein Professor für Poetik namens Perry Makepiece (Ewan McGregor) gerät in eine globale Intrige, weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt zufällig an einem bestimmten Ort ist: in Rufweite eines russischen Partylöwen, der sich als Buchhalter der Mafia erweist.

          Reserve gegenüber dem Konkreten

          Sein Name ist Dima, Stellan Skarsgard spielt ihn mit viel Lust am kulturellen Klischee. Aber das gilt für den ganzen Film, der in der Unübersichtlichkeit eines umfänglichen Geldwaschvorgangs für Ordnung sorgt, indem alle perfekt ihrem Typus entsprechen: ein feingliedriger englischer Intellektueller, ein grobschlächtiger, bärbeißiger russischer Lebemann, ein eiskalter russischer Oligarch mit Hipsterbart, ein schwachbrüstiger englischer Geheimdienstler, der nicht einmal in der eigenen Organisation Rückhalt hat. Die realen Gegebenheiten des Finanzplatzes London, der von Geld aus nicht immer transparenten und einwandfreien Quellen überschwemmt wird, bilden in „Verräter wie wir“ einen Hintergrund, der sich ungefähr so differenziert darbietet wie die immer wieder dazwischengeschalteten Aufnahmen der Skyline.

          Ewan McGregor als Perry in einer Szene aus dem Film „Verräter wie wir“. Der Film kommt am 07. 07. 2016 in die deutschen Kinos.

          Dass ein Mann der Buchstaben in die Welt des Geldes (und der Gewalt) gerät, ist ein dramaturgischer Kniff, den le Carré sich bei Hitchcock abgeschaut hat. Ewan McGregor ist als Darsteller so disponiert, dass man eher Schwierigkeiten hat, ihm den Literaturwissenschaftler abzunehmen als den Laienagenten, zu dem er allmählich wird. Es gibt eine lustige, ganz und gar unrealistische Vorlesungsszene, die an viele andere vergleichbare in anderen Filmen denken lässt – das Kino hat eine profunde Scheu vor dem Spezifischen in solchen Situationen, deswegen sprechen die Akademiker meist, als wären sie an einer Volkshochschule. Diese Reserve gegenüber dem Konkreten durchzieht den Film aber auch auf einer grundsätzlicheren Ebene, denn die finanzielle Intrige wird nur in den allergröbsten Zügen nachvollziehbar. Das Ausmaß an Korruption, das der Film behauptet, ist aber so skandalös, dass es angebracht wäre, da ein wenig genauer hinzusehen.

          Abstraktes konkret erzählen

          Dem steht die reduktionistische Logik einer Erzählung gegenüber, die eben alles nicht einmal so sehr auf Figuren, sondern auf Stellvertreter oder Funktionsträger konzentrieren muss. Schon die Beziehung von Perry zu seiner Frau Gail bleibt in vielerlei Hinsicht schemenhaft. Im Roman hat sie eine Stimme, im Film hat sie nichts zu sagen. Ohnehin verlässt sich Susanna White, die davor vor allem an Miniserien für das Fernsehen gearbeitet hat, in erster Linie auf den Vitalismus von Stellan Skarsgard. Ein Schwede, der als Russe einen Ehrenkodex vertritt, der die Zahl der Verbündeten radikal beschränkt. Sie passen am Ende alle in einen Lieferwagen, während die Verschwörer gegen das Gemeinwohl, die halbe City kontrollieren. Jedenfalls vor der Schlusspointe, die wirkt wie ein Trostpreis.

          Unweigerlich wird „Verräter wie wir“ derzeit auch an „The Night Manager“ gemessen, einer sechsteiligen Serie, die auf einem anderen Roman von John le Carré beruht. Die Formatfrage führt aber in die Irre. Ob man einen komplexen Vorgang auf 100 oder 360 Minuten erzählt, macht sicher in vielerlei Hinsicht einen Unterschied. Aber die dahinter aufscheinende, relevantere Frage nach Darstellungsformen für zunehmend undurchdringlich wirkende Teilsysteme der Weltgesellschaft bleibt von der Länge der Erzählung unberührt.

          Der ironische Vorschlag des jungen Godard, man könnte doch einmal die französischen Steuergesetze verfilmen, enthielt bereit das ganze Problem: Diese Gesetze existieren natürlich nur abstrakt, sie werden erzählbar erst dort, wo jemand davon betroffen ist. Perry Makepiece ist von den Geldströmen in der City of London in vielerlei Hinsicht betroffen, allerdings ist der Film blind für diese Implikationen. So läuft dann eben alles auf eine Männerfreundschaft hinaus oder darauf, dass dieser Dima einfach zu sympathisch ist, als dass man ihn nicht aus dem Rachen der Russenmafia reißen müsste. Susanna White hat einen Film gemacht, der es sich im Fiktionalen so gemütlich einrichtet, dass sich niemand wundern sollte, wenn man lieber nach einschlägigen Sachbüchern sucht.

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