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„Wo ist Kyra?“ im Kino : Licht ist Gift, und Räume sind Fallen

Bild: dpa

Die Ehe ist zerbrochen, gute Jobs sind schwer zu finden, und die einzige Geldquelle verlangt kriminelle Energie und eine gute Verkleidung: Michelle Pfeiffer muss sich in „Wo ist Kyra?“ irgendwie durchschlagen.

          2 Min.

          Nur einmal sind die Liebenden entspannt miteinander, weil ihnen der Augenblick die richtige Körperhaltung schenkt: Rücken zur Wand, je ein Bierchen pro Mensch, dazu ein Gespräch, das seufzt: Was willst du machen?

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Atmung und Herzrhythmus des Films sich genug verlangsamt haben, springt die Frau, die gerade den Mut gefunden hat, sich die Trostlosigkeit ihrer Lage einzugestehen, in Zeitlupe über ein Seil, das Kinder schwingen. Sie selbst ist längst kein Mädchen mehr. Ihre mittelständische Ehe ist zerbrochen, ihr Job gestrichen. So muss Michelle Pfeiffer als Kyra, nachdem auch noch ihre Mutter gestorben ist, bei der sie Obdach gefunden hat, demütigende Vorstellungsgespräche erleiden; alle erfolglos. Ihrem Liebsten Doug, dem zerknirschtesten Kiefer Sutherland aller Zeiten, geht’s nicht besser: Er ist Gelegenheitschauffeur und arbeitet als Aushilfspfleger im Altenheim.

          Arbeit und Elend hängen im Film „Wo ist Kyra?“ eng zusammen. Kyra sagt das mit einem Beinahe-Wortspiel: Das Leben sei bitter, wo „nothing you worked for is working“, also: Nichts, wofür du gearbeitet hast, funktioniert – der Doppelsinn des Verbs „to work“ sortiert Menschen ohne Job zum Müll. Dabei sind Kyra wie Doug noch reich, vergleicht man sie mit Leuten, die in derselben Großstadt wie sie wohnen müssen, aber in einer Gegend, wo es keine Bankfilialen gibt. Diese anderen haben meist eine andere Hautfarbe als Kyra und Doug, nämlich die dunklere des Regisseurs Andrew Dosunmu. Der lenkt hier aber nicht mit Schlimmem von Schlimmerem ab, sondern zeigt, was von einem System zu halten ist, in dem man von Kyra und Doug sagen kann, sie seien relativ gut dran.

          Als Kyras Mutter stirbt, macht die Tochter einen Fehler auf einem Formular. Ihn zu korrigieren wäre teuer. Ihn unkorrigiert zu lassen bringt umgekehrt Geld ein, denn behördlich gilt die Mutter dann als lebendig; Sozialfürsorgeschecks treffen weiter ein. Einlösen kann sie nur die Empfangsberechtigte persönlich. Kyra spielt fortan die Tote. Dosunmus Inszenierung ist naturalistisch und hochartifiziell zugleich: Licht sieht giftig aus, Räume sind Fallen. Wenn die maskierte Michelle Pfeiffer durch ihre Notlügen schleicht, klingt Nichtmusik dazu, als ächze eine verrostete Gesellschaft.

          Die Maskerade wird von der Mutter früh vorweggenommen, mit Schminke und Perücke – Frauen, sagt das, müssen sich eh verkleiden und präsentieren, der Schritt in den Betrug erfolgt auf der Linie der Erwartungen einer insgesamt unwahren Welt. Diese Lehre hängt im Film hoch über den Köpfen der Handelnden; so überschaubar ihr Leiden ist, sie müssten es loswerden können, um es zu begreifen. Und dass sie das nicht können, ist die Story. Mit diesem Abstand zwischen Handlung und Moral weigert sich der Film, Rührstück zu werden. So schenkt er den Figuren Würde und dem Publikum ein Problem, das es eh hat: Was willst du machen?

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