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Video-Filmkritik „Traumfabrik“ : Der Traum hätte mehr verdient

  • -Aktualisiert am

Bild: Julia Terjung/TOBIS Film

Kann man vom Kino der DDR in heutiger Filmsprache so erzählen, dass ein gegenwartstaugliches Geschichtsbild herauskommt? Die Großproduktion „Traumfabrik“ versucht es.

          Im Sommer 1961 mochte man die Deutsche Film AG (DEFA) in Potsdam-Babelsberg beinahe mit Hollywood verwechseln. So sieht es jedenfalls für einen jungen Mann namens Emil Hellberg aus, der in diesen Tagen auf das Studiogelände kommt. Die Szene wirkt ein wenig, als würden gerade mehrere Monumentalfilme parallel gedreht, mit Kostümen, Kulissen, Komparsen und Getier aus allen Erdteilen. Emil stolpert zwischen exotischen Schönheiten herum, duckt sich neben Kamelen weg und weicht Explosionen aus. Er sucht Arbeit. Für einen Komparsen sieht er beinahe zu gut aus, zum Glück hat er Verbindungen, sein Bruder ist einer der vielen Mitarbeiter auf dem Gelände. Die Sache entwickelt sich allerdings nicht ganz nach Plan, denn Emil hat ein Talent dafür, sich in die Nesseln zu setzen. Auf das Kino umgelegt bedeutet das: Er taucht im Licht der Scheinwerfer auf, wenn es gerade nicht opportun ist.

          Mit dem ganzen Aufwand, den Martin Schreier zu Beginn seines Films „Traumfabrik“ treibt, bestätigt er seinen Titel und amüsiert sich zugleich darüber. Dass die DEFA aus der DDR es mit dem amerikanischen Kino aufnehmen könnte, wäre dann doch eine kühne Geschichtsklitterung. Zwar gab es seinerzeit eine ehrwürdige Tradition von Märchen- und Abenteuerfilmen, bei denen es aber niemals darum ging, einem Cecil B. DeMille („Die Zehn Gebote“) oder einem Joseph L. Mankiewicz („Cleopatra“) den Rang streitig zu machen. Die DEFA war ein sozialistischer Betrieb und suchte, wie der gesamte Staat, den sie mit ihren Filmen repräsentieren sollte, ständig nach Orientierung zwischen Klassenfeind und Massengeschmack, individuellem Ausdruck und offizieller Ideologie. Bei Schreier hingegen ist die DEFA vor allem der Ausgangspunkt für so etwas wie die „greatest German story ever told“. Von Babelsberg ist es ja nicht allzu weit zur Glienicker Brücke, und damit zur deutschen Teilung.

          Als Hochstapler zum Regisseur

          Emil Hellberg bringt es als Tolpatsch vom Dienst gerade so weit in Babelsberg, dass er das Herz einer jungen Französin gewinnen kann: Milou ist als Assistentin und Double der französischen Diva Beatrice Morée vor Ort, sie ist also in einer ähnlich subalternen Position wie er. Zwischen Emil und Milou funkt es, zu einem zweiten Kuss kommt es aber nicht, denn ihre Verabredung wird in welthistorischem Format abgesagt: Milou wohnt im Hotel Savoy im Westen, am 13. August 1961 kann sie nicht mehr nach Babelsberg, von nun an trennt eine Mauer das geteilte Deutschland. Und Emil steht vor der Herausforderung, der Geschichte einen Streich zu spielen und der Liebe über die Systemgrenze hinweg Geltung zu verschaffen. Das ist tatsächlich ein Stoff, wie geschaffen für eine Traumfabrik. Die Frage ist nur: Wo steht sie wirklich?

          Im deutschen Kino begann im Grunde bald nach der Wende eine Art Historikerdebatte darüber, wann die DDR aufhörte, ein Staat zu sein, um stattdessen als komische Veranstaltung weiterzumachen. Martin Schreier und der Drehbuchautor Arend Remmers markieren in diesem Zusammenhang nun einen naheliegenden Termin: Im Jahr 1961 wechselte die DDR das Genre, sie wurde lächerlich, indem sie sich einmauerte. Im Film wird dieser Übergang nicht zuletzt durch Emil selbst verkörpert. Er schafft es als Hochstapler, sich in Babelsberg zum Regisseur hochzudienen. Er stellt dabei die Bürokraten bloß, die vom Kino nur noch die Funktionärsebene begreifen, während Emil ein Bündnis mit den Veteranen des DEFA-Studiobetriebs schließt. Mit diesen Nebenrollen gelingen einige schöne Anklänge an eine Idee von Kino, für die das alte Hollywood zu Recht ein Modell war: ein Kino der „Handwerker“, in dem ein Traditionswissen zum anderen passte und in dem Kunst gleichsam wie von selbst und aus dem gemeinsamen Tun entstand. Heiner Lauterbach als Studio-Chef Richard Beck ist hingegen eine klassische Charge, er spielt so, als müsste man durch ihn schon die Verspießerung der DDR unter Honecker erkennen können.

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