https://www.faz.net/-gs6-9izqj

Filmkritik zu „The Favourite“ : Siebzehn Leerstellen im königlichen Herzen

Bild: AP

Mit „The Favourite“ hat Giorgios Lanthimos einen großen Kostümfilm über die Machtspiele am Hof der englischen Königin Anne gedreht. Jetzt ist er für zehn Oscars nominiert.

          Ein Nachmittag in St. James’s Palace, um 1708. Die Kammerzofe Abigail gießt heiße Schokolade in zwei Tassen und bringt sie der Königin und der Herzogin von Marlborough, die auf einem Sofa Platz genommen haben. Als sie beiden das Getränk reichen will, fährt die Herzogin dazwischen: „Nichts für die Königin! Der Zucker reizt ihren Magen.“ – „Gib mir die Tasse!“, befiehlt dagegen die Hausherrin. Die Zofe stammelt, sie wisse nicht, was sie jetzt tun solle. „Na gut, gib sie ihr!“, schnarrt die Herzogin. „Und hol gleich einen Eimer zum Aufwischen.“ Die Zofe verbeugt sich und geht ab.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Kostümfilme haben den Vorzug und das Handicap, dass das, wovon sie erzählen, lange vorbei ist. Die Herzens- und Staatsangelegenheiten, die sie zeigen, liegen weit hinter uns; andererseits können wir sie, Jahrzehnte oder Jahrhunderte von ihnen entfernt, umso genauer und geduldiger betrachten. Im günstigsten Fall erkennen wir dann, dass die Personen unter den Kostümen zwar nicht unsere Zeitgenossen, aber unsere Mitmenschen sind; und im allergünstigsten werden wir, für die kurze Dauer von zwei Kinostunden, zu unsichtbaren Mitspielern in ihrer Welt.

          Dieser allergünstigste Fall ist Giorgios Lanthimos’ „The Favourite“. Der Film beginnt damit, dass die Königin von England ihre Krone vom Kopf nimmt und sich in ihr Schlafzimmer zurückzieht. Es ist ein Auftakt nach Maß, denn obwohl Anne (Olivia Colman) das Zeichen ihrer Herrschaft im Lauf der Geschichte noch mehrfach tragen wird, hat sie es in einem tieferen Sinn schon lange abgelegt. Im britischen Königreich nämlich hat jetzt Sarah Churchill (Rachel Weisz), die Herzogin von Marlborough, den Hut auf, und der Ort, an dem sie ihre Herrschaft ausübt, ist – neben dem Parlament, in dem die Monarchin ihre von Sarah formulierten Reden aufsagt – das königliche Bett. Hier erweist die Herzogin ihrer obersten Chefin jene Gefälligkeiten, die eine außereheliche Gemeinschaft (denn Anne ist selbstverständlich verheiratet, auch wenn ihr Ehemann, der dänische Prinz Georg, im Film nie auftaucht) zusammenhalten. Und darin ist sie so geschickt, dass sie der Königin sogar dann die Wahrheit sagen darf, wenn diese eine Majestätsbeleidigung ist: „Du siehst aus wie ein Dachs.“

          Abigail hat ihre Tricks

          Bis Abigail (Emma Stone) eintrifft, eine arme Cousine der Herzogin und, wenn man so will (der Film will es eigentlich nicht), die Heldin der Geschichte. Dass sie sich buchstäblich aus dem Dreck hocharbeiten muss, macht Lanthimos überdeutlich, indem er sie vor dem Palast aus ihrer Reisekutsche in einen Kothaufen stürzen lässt, und auch sonst bleibt Abigail in ihrer Karriere bei Hof wenig erspart. Als Küchenhilfe verätzt sie sich die Finger mit scharfer Lauge, als Zofe ist sie den Tätlichkeiten der männlichen Perückenträger ausgeliefert, und als Mitglied des inneren Machtzirkels wird sie von der politischen Opposition (verkörpert durch den Tory-Minister Harley) für ihre Zwecke missbraucht. Doch Abigail besitzt etwas, das den meisten Hofschranzen fehlt: Erfahrung – und das Gespür für den Augenblick, in dem sich zum eigenen Vorteil davon Gebrauch machen lässt. Als die fettleibige Königin einen ihrer Gichtanfälle erleidet, geht Abigail in den Wald und mischt aus Kräutern eine Salbe, und als Anne sie daraufhin zur Weiterbehandlung einbestellt, massiert sie das Bein der Kranken auf eine Weise, die keinen Zweifel an ihren weiteren Absichten lässt.

          Rachel Weisz (Lady Sarah) und Emma Stone (Abigail) sind beide für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Olivia Colman geht als beste Hauptdarstellerin ins Rennen. Insgesamt ist der Film für zehn Oscars nominiert.

          Der Rest ist Mechanik – Psychomechanik, Liebesmechanik, Mechanismus der Macht. Aber dies wäre kein Film von Giorgios Lanthimos, wenn er den historischen Plot einfach routiniert abspulte. Seit seiner Ankunft im europäischen Kino mit „Dogtooth“ und „Alpen“ sucht der griechische Regisseur nach Bildern für das Irrationale, das die Menschen aneinanderkettet, für jenes Verhängnis des Herzens, das sogar den Überlebensinstinkt außer Kraft setzt. In „The Lobster“ waren es die absurden Rituale einer Klinik für Singles, die den Eingelieferten die Wahl zwischen Partnerfindung und Metamorphose zum Tier ließ, in „The Killing of a Sacred Deer“ die Seelenabgründe eines Halbwaisenknaben, der eine Arztfamilie zum Objekt seiner Rachephantasien machte.

          In „The Favourite“, dem Film, mit dem sich Lanthimos am weitesten vom Surrealismus seiner Anfänge entfernt (und bei dem er zum ersten Mal nicht am Drehbuch mitgeschrieben hat), sind es die siebzehn Kaninchen, die Queen Anne in einem Käfig in ihren Privatgemächern hält, eines für jedes der Kinder, die sie durch Totgeburt oder Krankheiten verloren hat. Siebzehn Leerstellen im königlichen Herzen, das auch durch Kuchenfressen oder die Lust in Sarah Churchills Armen nicht mehr heil wird, und siebzehn Gründe, sich aus dem Fenster zu stürzen – was die Herzogin von Marlborough durch energisches Zupacken zu verhindern weiß. Olivia Colman gibt dieser royalen Dauerdepression auf ebenso ergreifende wie furchterregend physische Art Ausdruck, weshalb es vollkommen richtig ist, dass sie und nicht Emma Stone oder die wie immer großartige Rachel Weisz den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin gewonnen hat.

          Und jede(r) kämpft für sich: Die Damen am Hof von Königin Anne

          Doch gerade die siebzehn Kaninchen sind erfunden, anders als das Allermeiste, das in „The Favourite“ zu sehen ist – von den Parlamentsreden, die tatsächlich gehalten wurden, bis zu den penibel rekonstruierten, mit Gemälden und Tapisserien vollgestopften Kulissen. Die ersten Jahre des achtzehnten Jahrhundert waren so etwas wie eine Achsenzeit der englischen Geschichte, weil Sarah Churchills Gatte, der Befehlshaber der englischen Truppen auf dem Kontinent, mit seinen Siegen über die Heere des Sonnenkönigs damals jenes Konzept des europäischen Mächtegleichgewichts durchsetzte, das bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs Bestand haben sollte. Auch dieser Aspekt der Günstlingsherrschaft der Herzogin von Marlborough kommt in „The Favourite“ beiläufig vor, wenn auch bei weitem ohne die Ernsthaftigkeit, mit der typische Vertreter des Genres ein derart geschichtsmächtiges Thema behandeln würden.

          Denn dies ist eben kein Kostümfilm im landläufigen Sinn. Eine wiederkehrende Einstellung in „The Favourite“ zeigt den Korridor, der die Gemächer der Königin mit denen der Herzogin (und ihrer Nachfolgerin Abigail) verbindet, durch die Optik einer Konkavlinse. Das Fischauge macht die Gerade zur Kurve, den Weg von hier nach dort zum Kreis. So biegt sich Lanthimos die Geschichte in Form, bis sie in seinen Katalog menschlicher Abhängigkeiten passt. Man muss bis ins Frühwerk des Briten Peter Greenaway zurückgehen, um einen Kostümfilm zu finden, der sein Sujet so skrupellos entstaubt, und bis zu Stanley Kubricks „Barry Lyndon“, um einen Maßstab für die Virtuosität zu haben, mit der dieses Damen-Endspiel inszeniert ist. Wenn das Perückengenre noch lebt, dann liegt es an Filmen wie „The Favourite“, die aus dem Kino ein Suchgerät machen, mit dem man der Vergangenheit unter die Kleider schauen kann.

          Als Abigail, die Zofe, ihr Ziel erreicht hat, zertritt sie beiläufig eines der siebzehn Kaninchen mit ihrem Schuh aus Damast. Da zwingt sie die Königin, die alles gesehen hat, auf die Knie und presst ihren Kopf gegen den eigenen Unterleib. So endet die Damenpartie: mit Schuld und Sühne. Der Eimer zum Aufwischen steht schon bereit.

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Untreue-Verdacht bei Öko-Test

          Durchsuchung in Frankfurt : Untreue-Verdacht bei Öko-Test

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt bei der Öko-Test Holding AG. Es geht um den Verdacht der Untreue. Die Aktivitäten der Zeitschrift „Öko-Test“ seien nicht von der Ermittlung betroffen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.