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Filmkritik zu „The Favourite“ : Siebzehn Leerstellen im königlichen Herzen

Rachel Weisz (Lady Sarah) und Emma Stone (Abigail) sind beide für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Olivia Colman geht als beste Hauptdarstellerin ins Rennen. Insgesamt ist der Film für zehn Oscars nominiert.

Der Rest ist Mechanik – Psychomechanik, Liebesmechanik, Mechanismus der Macht. Aber dies wäre kein Film von Giorgios Lanthimos, wenn er den historischen Plot einfach routiniert abspulte. Seit seiner Ankunft im europäischen Kino mit „Dogtooth“ und „Alpen“ sucht der griechische Regisseur nach Bildern für das Irrationale, das die Menschen aneinanderkettet, für jenes Verhängnis des Herzens, das sogar den Überlebensinstinkt außer Kraft setzt. In „The Lobster“ waren es die absurden Rituale einer Klinik für Singles, die den Eingelieferten die Wahl zwischen Partnerfindung und Metamorphose zum Tier ließ, in „The Killing of a Sacred Deer“ die Seelenabgründe eines Halbwaisenknaben, der eine Arztfamilie zum Objekt seiner Rachephantasien machte.

In „The Favourite“, dem Film, mit dem sich Lanthimos am weitesten vom Surrealismus seiner Anfänge entfernt (und bei dem er zum ersten Mal nicht am Drehbuch mitgeschrieben hat), sind es die siebzehn Kaninchen, die Queen Anne in einem Käfig in ihren Privatgemächern hält, eines für jedes der Kinder, die sie durch Totgeburt oder Krankheiten verloren hat. Siebzehn Leerstellen im königlichen Herzen, das auch durch Kuchenfressen oder die Lust in Sarah Churchills Armen nicht mehr heil wird, und siebzehn Gründe, sich aus dem Fenster zu stürzen – was die Herzogin von Marlborough durch energisches Zupacken zu verhindern weiß. Olivia Colman gibt dieser royalen Dauerdepression auf ebenso ergreifende wie furchterregend physische Art Ausdruck, weshalb es vollkommen richtig ist, dass sie und nicht Emma Stone oder die wie immer großartige Rachel Weisz den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin gewonnen hat.

Und jede(r) kämpft für sich: Die Damen am Hof von Königin Anne

Doch gerade die siebzehn Kaninchen sind erfunden, anders als das Allermeiste, das in „The Favourite“ zu sehen ist – von den Parlamentsreden, die tatsächlich gehalten wurden, bis zu den penibel rekonstruierten, mit Gemälden und Tapisserien vollgestopften Kulissen. Die ersten Jahre des achtzehnten Jahrhundert waren so etwas wie eine Achsenzeit der englischen Geschichte, weil Sarah Churchills Gatte, der Befehlshaber der englischen Truppen auf dem Kontinent, mit seinen Siegen über die Heere des Sonnenkönigs damals jenes Konzept des europäischen Mächtegleichgewichts durchsetzte, das bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs Bestand haben sollte. Auch dieser Aspekt der Günstlingsherrschaft der Herzogin von Marlborough kommt in „The Favourite“ beiläufig vor, wenn auch bei weitem ohne die Ernsthaftigkeit, mit der typische Vertreter des Genres ein derart geschichtsmächtiges Thema behandeln würden.

Denn dies ist eben kein Kostümfilm im landläufigen Sinn. Eine wiederkehrende Einstellung in „The Favourite“ zeigt den Korridor, der die Gemächer der Königin mit denen der Herzogin (und ihrer Nachfolgerin Abigail) verbindet, durch die Optik einer Konkavlinse. Das Fischauge macht die Gerade zur Kurve, den Weg von hier nach dort zum Kreis. So biegt sich Lanthimos die Geschichte in Form, bis sie in seinen Katalog menschlicher Abhängigkeiten passt. Man muss bis ins Frühwerk des Briten Peter Greenaway zurückgehen, um einen Kostümfilm zu finden, der sein Sujet so skrupellos entstaubt, und bis zu Stanley Kubricks „Barry Lyndon“, um einen Maßstab für die Virtuosität zu haben, mit der dieses Damen-Endspiel inszeniert ist. Wenn das Perückengenre noch lebt, dann liegt es an Filmen wie „The Favourite“, die aus dem Kino ein Suchgerät machen, mit dem man der Vergangenheit unter die Kleider schauen kann.

Als Abigail, die Zofe, ihr Ziel erreicht hat, zertritt sie beiläufig eines der siebzehn Kaninchen mit ihrem Schuh aus Damast. Da zwingt sie die Königin, die alles gesehen hat, auf die Knie und presst ihren Kopf gegen den eigenen Unterleib. So endet die Damenpartie: mit Schuld und Sühne. Der Eimer zum Aufwischen steht schon bereit.

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