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Video-Filmkritik zu „Tenet“ : Der Sommerblockbuster kommt mit Verspätung

Bild: Warner Bros.

Zerschossene Wirklichkeiten, durchkreuztes Tempo, Filmklassik und sehr schöne Männer: Christopher Nolans neuer Film „Tenet“ läuft im Kino an.

          4 Min.

          Wer hätte gedacht, dass Christopher Nolan, dieser Kinotraditionalist mit den phantastischen Zeitversetzungsobsessionen, einmal ein Ballett choreographieren würde? Hier also ist es. Der Anfang von „Tenet“. Zuerst stimmen die Musiker im Orchester ihre Instrumente. Ein A von den Streichern, und dann wird es laut. Ungewöhnlich laut für ein Ballett. Die Tänzer stürmen von allen Seiten in den Zuschauerraum. Trotzdem fällt das Publikum sofort in tiefen Schlaf. Es ist ein Überfall mit Gift und schweren Waffen, die Tänzer sind Kämpfer und tanzen nicht, sondern schärfen Bomben oder schießen. Im Lauf über die Treppen hinweg, im Fallen, im Sprung. Jede Bewegung der behelmten Krieger in schwarzer Ganzkörpermaskierung scheint einen musikalischen Einsatz zu haben (Musik von Ludwig Göransson.) Das geht eine ganze Weile so und lenkt von der Frage ab, warum hier das Kiewer Opernhaus überfallen wird und dabei ganz offensichtlich nicht nur internationale Geheimdienste am Werk sind, sondern auch Effekte einer Technologie, die dafür sorgt, dass Kugeln, gerade abgeschossen, manchmal wieder in den Pistolenlauf zurückfinden. Inversion, wie kurz darauf eine Wissenschaftlerin erklärt. Auch ohne Erklärung faszinierend. Reines Kino als Tanz von Gewalt und ihrer Rücknahme, was darauf verweist, dass Zerstörung auf der Leinwand in der Welt keine Folgen hat.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Dieser Überfall allein lohnt den Besuch von „Tenet“. Vermutlich gibt es niemanden, der noch nicht von diesem Film gehört hat, denn er sollte längst weltweit die Kinosäle gefüllt haben, ein Sommerblockbuster, eine 200 Millionen Dollar teure Hoffnung auf traumhaften Gewinn. Jetzt also ist er da, und wer Glück hat und ihn in 70mm in einem Imax-Kino sehen kann, wird sich nach den aus den Zimmerlautsprechern zu Hause begleiteten Monaten vermutlich wundern, wie laut eine Dolby-Anlage wummert. Zum Auftakt einer neuen Kinosaison erinnert also dieser Anfang daran, dass das Kino vom Rummelplatz herkommt, von den zuvor nie gesehenen Sensationen und Tricks, und ursprünglich nicht aus dem Computer. Dass das Kino eine physische Seite hat, eine technische Materialität. In Christopher Nolans Filmen, lange bevor er seine physikalisch-philosophischen Gimmicks auspackt, geht es immer auch darum, weil er auf Film dreht und auf dem Kino in seinem spektakulärsten Format besteht.

          Eine mächtige Drahtzieherin

          Der Anfang von „Tenet“ zeigt, was das wert ist und wo seine Grenzen liegen. Obwohl von Thema oder Plot noch nicht die Rede sein kann. Obwohl noch kein Schauspieler sich zu erkennen gegeben hat. Und obwohl die Figuren, deren Gesichter wir kaum ahnen, keinem Lager und noch nicht einmal einer Zeit zuzuordnen sind, scheint hier schon alles angelegt, worum es gehen könnte. Nicht um die Rettung der Welt, wie uns später weisgemacht werden soll. Nicht um die Rettung der Gegenwart vor der Zukunft beziehungsweise der Zukunft vor sich selbst, was sowieso nicht zu begreifen ist, sondern um pure Bewegung, in jeder Einstellung der Kamera von Hoyt Van Hoytema, die nur ganz selten einmal stillsteht, um Adrenalinausschüttung, um Überwältigung und, ja, auch um Schönheit.

          Denn einmal aus ihren Kampfanzügen befreit, erweisen sich zumindest jene Männer, die etwas länger zu sehen sein werden oder immer wieder auftauchen, als sehr schön. Wie die Schauplätze rund um den Globus zwischen Oslo, Sibirien und der Amalfiküste und das Licht, in das sie getaucht werden. Wie die Klamotten. Wie die beiden einzigen Frauen, die mit Namen dabei sind, die mächtige Drahtzieherin Priya, gespielt von Dimple Kapadia, deren Absichten nicht völlig klar werden, und Kat, für die Elizabeth Debicki als geniale Besetzungsentscheidung gelten kann, denn sie überragt den Helden um fast zwei Kopf. Sie kann auch in großem Durcheinander und bei einem erstaunlichen Katamaranrennen mithalten und ihren verfluchten Ehemann, den Oligarchen Andrei Sator, täuschen. Kenneth Branagh gibt ihm den denkbar bösesten russischen Akzent und die blutunterlaufenen Augen eines kleinen Jungen aus einer nuklear verseuchten, geschlossenen Stadt. Der Held wird von John David Washington gespielt. Leider hat er keinen Namen, nur eine Funktion: „Der Protagonist“. Wenn „Tenet“ Christopher Nolans Ersatz für den James-Bond-Film ist, den er bisher nicht drehen konnte, sollte im parallelen Bond-Universum John David Washington beim nächsten Mal Daniel Craig beerben.

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