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Video-Filmkritik „Spider-Man“ : Seine Maske passt auf jeden Kopf

Bild: Sony Pictures

Der Typ im blauroten Anzug könnte jeder von uns sein: In „Spider-Man – A New Universe“ wird mit diesem Versprechen endlich Ernst gemacht. Der Rest ist pures Vergnügen.

          Das Beste an Spider-Man ist die Dehnbarkeit seiner Maske, sie passt auf jeden Kopf. Mit ihr stülpt sich der Träger die Idee über, bereit für alles zu sein, wenn er (oder sie) es nur will, und jede Verantwortung auf sich zu nehmen, schließlich geht es um das Schicksal der Welt, in regelmäßigen Abständen verkörpert vom Zweieinhalb-Millionen-Stadtbezirk Brooklyn, denn nur in diesem Teil New Yorks treffen Großstadt-Straßenfluchten und Kleinbürgerlichkeit so vortrefflich aufeinander. Der Typ mit der Maske könnte jeder von uns sein, versichert uns eine Spider-Man-Verfilmung nach der anderen, wen die radioaktive Spinne beißt, ist bloßer Zufall. Dass es in der Vorstellung seiner Fans natürlich doch jemand ganz Bestimmtes, niemals aber der queer-feministische Vietnamese von nebenan oder die nigerianische Mutter zweier Kinder ist, die das Mittagessen serviert, zeigt, dass etwas an der Idee doch nicht ganz ausgereift ist.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Weil Spider-Man die beliebteste Figur des Marvel-Universums ist, stört es nicht weiter, dass seine Geschichte immer und immer wieder erzählt wird: vom jungen Helden, der erst lernen muss, dass er für Größeres als die Zwänge eines Schülerdaseins bestimmt ist und es vor allem darum geht, die eigenen Selbstzweifel zu überwinden, der seine selbstgewählten Aufträge ohne Zynismus, dafür mit einer Mischung aus Naivität, Neugier und Lässigkeit erledigt. Sechs Spider-Man-Filme gab es seit 2002, der letzte, „Homecoming“, erzählte die Verwandlung noch einmal ganz von vorn, und nun haben sich für den animierten Film „Spider-Man: A New Universe“ gleich drei Regisseure, Bob Persichetti, Peter Ramsay und Rodney Rothman, mit dem nahbarsten aller Superhelden beschäftigt.

          Zwei Spider-Men in einer Stadt?

          Umso erstaunlicher, jedenfalls für alle, die nicht jede neue Marvel-Comicerscheinung verfolgen, dass ausgerechnet diese Produktion einen neuen Helden vorstellt: Auf Peter Parker, den freundlichen Nerd mit der leidgeprüften Tante, folgt Miles Morales, ein vierzehn Jahre alter afroamerikanischer Junge, der seine Freunde in Brooklyn mit Faustcheck begrüßt, Sticker auf Laternenmasten verteilt, wenn sein Vater, ein Polizist, mal kurz wegschaut, und nachts im Underground-Tunnelsystem das Sprayen übt. Hiphop war schon immer die Musik, die zu einem in Downtown New York beheimateten, über Häuserdächer springenden Maskierten am besten passte, und jetzt ergibt das erstmals Sinn: Miles Morales hört Post Malone und Swae Lee auf tellergroßen Kopfhörern, bevor er in die seiner Ansicht nach viel zu elitäre Schule muss, für die er ein Stipendium bekommen hat. Seinen ersten Comicauftritt hatte er schon 2011, und dass er es erst jetzt ins Kino schafft, hat wohl damit zu tun, dass sein Auftritt an den Tod Peter Parkers geknüpft ist, denn zwei Spider-Men in einer Stadt sind dann doch zu viel, jedenfalls nach bisherigem Stand.

          Wie wohl der Mitbewohner auf die Versammlung der Superhelden im WG-Zimmer reagiert?

          Miles begegnet also Peter Parker nach dem völlig zufälligen Spinnenbiss irgendwo unter den Straßen Brooklyns, als der gerade die gigantische Zeitmaschine des Verbrecherbosses Wilson Fisk zerstören will, die zwar dessen verstorbene Familie zurückbringen, aber nebenbei das Raum-Zeit-Kontinuum zerstören und Brooklyn in Schutt und Asche legen könnte. Momente später ist der Spider-Man tot – erledigt sehr profan von einem Schlag auf den Kopf. Für Empörung darüber, dass eine gewachsene Heldenfigur auf diese Weise abtreten muss, ist keine Zeit, denn Miles hat ihm bereits das Versprechen gegeben, seine Aufgaben zu übernehmen.

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