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Video-Filmkritik „Knives Out“ : Mörderische Messerwisserei

Bild: AP

Lügen zum Frühstück: Der Kinothriller „Knives Out“ metzelt die Leinwand wunderschön klein. Da hält man bis zum Schluss den Atem an.

          4 Min.

          Wenn man nach der Vorlage des Detektivbrettspiels „Cluedo“ ein Haus bauen müsste, dann würde wohl jenes herauskommen, über das zu Beginn von „Knives Out“ die Nebelschwaden ziehen: eine große dunkle Villa mit spitzen Erkern, Türmchen und Fenstervorsprüngen, wie Agatha Christie sie gern in ihren Kriminalromanen in die englische Landschaft gestellt hat, um sie mit einigen exzentrischen reichen Bewohnern zu bevölkern, von denen einer schon bald das Leben lassen muss, woraufhin ein nicht minder exzentrischer Detektiv im Kreis der Verdächtigen zu ermitteln beginnt. Der Beginn von „Knives Out“ spielt mit all diesen Klischees.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Eine Haushälterin drapiert Frühstücksteller und einen Kaffeebecher auf ein Tablett und arbeitet sich damit über drei Stockwerke zum Dachboden der großen dunklen Villa hinauf. In den Zimmern, die sie durchquert, hat jemand mit viel Geld Besitztümer angehäuft. Da sind Porzellanvasen, Masken, Marionettenpuppen, samtbezogene Sessel, dunkle Tische, Globen und bis zum Dachboden immer wieder Bücher. Als die Bedienstete die Tür zum Giebelzimmer aufstößt, findet sie den Besitzer all der kleinen Schätze, den Krimi-Schriftsteller Harlan Thrombey (Christopher Plummer), mit durchtrennter Kehle auf einer Chaiselongue. Entgegen allen Krimiklischees schreit sie nun nicht hysterisch auf, sondern lässt für einen Sekundenbruchteil das Tablett gleiten, fängt es und sich jedoch genauso schnell wieder. Nur der Kaffee schwappt über, und kurz erhascht man nochmal einen Blick auf den Becher, der „Mein Haus, meine Regeln, mein Kaffee“ verkündet.

          Auf all diese Details schaut man so genau, weil der größte Spaß beim Kriminalfilm natürlich die eigene Ermittlung ist und man sich mehr noch als in anderen Filmen fragt: Was ist hier geschehen, und wer ist der Mörder? Dieses unter dem Namen „Whodunit“ bekannte Genre hat seit Jahren niemand mehr gern angefasst. Dann kam Rian Johnson. Der amerikanische Regisseur ist dafür bekannt, dass er sich gern ein Filmgenre vornimmt, um es genau zu analysieren, es dann umzukrempeln und mit den Nähten nach außen zu tragen, nur damit man feststellt, dass man diesen alten Mantel schon immer so herum hätte tragen sollen. In seinem Debütfilm „Brick“ (2005) verlegte Johnson eine klassische Film-Noir-Handlung an eine amerikanische Highschool, in „Looper“ (2012) verwickelte er Mafiakiller in Zeitreisen und in „Die letzten Jedi“ (2017) zeigte er, dass man aus dem Star-Wars-Universum noch so einiges herausholen kann, wenn man die Figuren ernst nimmt und ihre immer nur angedeuteten Charaktere einmal konsequent zu Ende denkt. Johnsons Filme muss man also immer etwas aufmerksamer und mit offenerem Geist schauen, denn sonst tappt man in die eigenen Vorurteilsfallen.

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          Dass die Mörderjagd in „Knives Out“ so unterhaltsam ausfällt und man sämtliche Haken glaubt, die die Handlung hier wie ein Hase auf der Flucht schlägt, liegt zu guten Teilen an den Schauspielern, die hier gegen- und miteinander Katz und Maus spielen. Da wären neben Christopher Plummer als exzentrischer Erfolgsautor Thrombey, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Don Johnson, Chris Evans und Toni Collette, die dessen Familienangehörige spielen. Thrombey hat sie am Abend vor seinem Ableben noch einmal zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. So richtig leiden kann er keinen von ihnen, doch das vertraut er nur seiner Pflegerin Marta (Ana de Armas) an. Die junge Frau verbindet mit dem Schriftsteller fast schon eine Freundschaft, hat sie doch ein paar Tugenden, die Thrombey in all seinen Kindern und Enkeln vermisst: Sie ist ehrlich, klug, und arbeitet hart. Wohingegen es sich all seine Nachfahren gemütlich gemacht haben und aufs Erbe warten. An Mordverdächtigen mangelt es also nicht.

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