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Video-Filmkritik „Green Book“ : Essen nicht alle Schwarzen Fried Chicken?

Bild: Universal Pictures

Für den Film „Green Book“ ist Viggo Mortensen fett geworden. aber auch sonst stimmt hier nichts: In einem Anfall von Sentimentalität fällt Hollywood hinter alles zurück, was das Kino zum Thema Rassismus in den letzten Jahren gezeigt hat.

          Wer hätte gedacht, dass Viggo Mortensen einmal aussehen würde wie Tony Soprano? Für „Green Book“ ist es ihm gelungen. Als wäre James Gandolfini auferstanden, zöge sich noch mal die unterm dicken Bauch hängende Hose über den Nabel und schlüge einem anderen eine blutige Nase, bevor er sich das Haar aus der hohen Stirn schiebt, schief lächelt und ein wenig melancholisch an seinem Gegenüber vorbeischaut. Auch wenn Mortensen den Mund aufmacht, klingt er wie Tony Soprano – was im New York der sechziger Jahre, in denen dieser Film beginnt und endet, noch angehen mag, die Italiener hatten damals ja die Mafia und konnten also reden, wie sie wollten. In den Südstaaten aber wirkt der Tonfall außerordentlich exotisch. Fast so exotisch wie ein Schwarzer, der Klavier spielen kann und einen Chauffeur hat. Nämlich Tony, der hier Vallelonga heißt, aber Lip genannt wird. Muss man betonen, dass Viggo Mortensen für diese Meisterleistung an Gewichtszunahme, Akzentschulung und Mimikry gerade eine Menge Preise einsammelt?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Geschichte, die „Green Book“ erzählt, trägt in der Werbung den Zusatz „feel good“, wobei man sich fragen darf, was an der Reise des schwarzen Künstlers Don Shirley in den rassistischen Süden der Vereinigten Staaten zu Zeiten von Segregation und Jim-Crow-Gesetzen streng genommen „feel good“ sein könnte.

          Alis Part gilt hier als Nebenrolle

          Genau: Tony Lip! Er ist zwar auch ein Rassist, den es einige Überwindung kostet, sich in höchster Not einem schwarzen Chef zu unterstellen und ihn durchs Land zu kutschieren, aber wenn er es mit einem Prachtexpemplar wie Don Shirley zu tun hat, macht er schon einmal eine Ausnahme. Und er kann ihm ja auch eine Menge beibringen. Zum Beispiel, wie man fried chicken isst (essen nicht alle Schwarzen fried chicken, warum dann dieser nicht, fragt sich Tony?), wer Little Richard ist oder wie man in einem Jazzclub jamt (ist es nicht das, was schwarze Pianisten tun sollten, meint Tony und führt ihn ein), wenn die feine weiße Gesellschaft, die Don als Partysensation bestellt hat, nicht mit ihm essen will. Und da wissen sie noch nicht einmal, dass Don Shirley nicht nur schwarz ist, sondern auch eine Flasche Whiskey pro Abend trinkt, was ihn und dann auch Tony einmal ins Gefängnis bringt, ebenso wie eine Episode im Schwimmbad eines YMCA, in dem Don nackt mit einem anderen Mann erwischt wird. Eine aussichtslose Lage irgendwo in Kentucky, wäre da nicht Justizminister Robert Kennedy, dessen Telefonnummer Don Shirley auswendig kennt und der die Lage klärt.

          Was kann wohl an der Reise des schwarzen Künstlers Don Shirley in den rassistischen Süden der Vereinigten Staaten zu Zeiten von Segregation „feel good“ sein?

          Man könnte sich fragen, warum Viggo Mortensen und nicht Mahershala Ali, der den Don spielt, als bester Hauptdarsteller durch die Preissaison zieht. Alis Part gilt hier als Nebenrolle, Auszeichnungen fallen auf sein Haupt, hochverdient für alles, was er tut, auch wenn er hier nicht seine besten Tage hat. Das liegt nicht an ihm, sondern an dieser nahezu unspielbaren Rolle. Er soll schon etwas tuntig sein, was hier gleichbedeutend mit kultiviert daherkommt und zu seidenen Morgenmänteln und einem goldenen Thron in seiner New Yorker Luxuswohnung führt. Auch seine Vorliebe, mit Messer und Gabel zu essen statt mit den Fingern, wie es Tony bevorzugt, ist Zeugnis des fast höfischen Raffinements dieses Mannes.

          Ausdrücklich hat er den Wunsch, im Süden zu spielen, und zwar ein technisch virtuoses Pop-Unterhaltungsprogramm, durchmischt mit Débussy und Satie. Er weiß, er wird seine Kunst vor bigottem Publikum in Herrenhäusern darbieten und innerlich dabei weinen, weil er lieber immer nur Chopin spielen würde. Er weiß auch, er wird gedemütigt werden und dazu lächeln müssen. Tony soll ihn nicht nur fahren, sondern auch beschützen. Dass Tony sich als Retter dieses Musikers mit Klassikrepertoire entpuppt, wen könnte das erstaunen? Denn Don findet Erlösung in „The Orange Bird BBQ“, einem Club für Schwarze, in den Tony ihn führt und in dem er unter seinesgleichen endlich fehlerfrei durch eine Chopin-Etüde jagt, bis er losjamt, dass es kein Halten gibt.

          Mit „Green Book“ (Regie: Peter Farrelly) fällt Hollywood in einem Anfall von Sentimentalität und Verbrüderungskitsch weit hinter alles zurück, was zum Thema Rassismus im Kino in den letzten Jahren zu sehen war. Die Ausrede, es handele sich um eine „wahre Geschichte“, zieht nicht. Die Familie von Shirley hat Einspruch erhoben, was auch immer das wert ist. Man muss das Leben nicht mit der Kinoversion vergleichen, um zu sehen, dass hier alles gelogen ist. Außer dem Green Book. Das gab es tatsächlich – als Handbuch für schwarze Reisende, in denen Unterkünfte aufgelistet waren, von deren Parkplatz sie nicht sofort verjagt wurden.

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