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Video-Filmkritik : Die schlimmste Drohung heißt Hildesheim

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Eine Unternehmensberaterin flieht vor dem Leben: Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“ erzählt von zwei ungleichen Schwestern und dem Versuch, sich selbst in einer kalten Welt spürbar zu machen.

          Lola ist eine Nomadin in der modernen Arbeitswelt. Von Wien fliegt sie nach Rostock, im Kopf hat sie ein Projekt in Sidney, dafür muss sie sich aber bewähren. Ansonsten droht ihr Hildesheim. Auch ein Projekt, das sie aber als Versagerin abstempeln würde. Lola ist Unternehmensberaterin. Das ist ein Beruf, in dem Analyse und Show nicht immer leicht zu trennen sind. Zu einem Arbeitsessen erwarten die Klienten die schönste Mitarbeiterin des Teams. Es gibt rotes Fleisch. Wichtige Dinge könnte man danach an der Bar besprechen, schlägt der jüngere der beiden Männer vor. Früher hätte Lola unter dem Tisch eine Hand zwischen ihren Beinen zu spüren bekommen, meint der Kunde, der nicht mehr ganz so unumschränkt König ist, wie er gern wäre. Das heißt nicht, dass Lolas erotischer Appeal keine Rolle mehr spielen würde. Die Sache ist nun eben ein bisschen subtiler.

          Die Szene mit diesem Abendessen ist von zentraler Bedeutung in Marie Kreutzers Film „Der Boden unter den Füßen“. Sie zeigt eine kalte Welt, in der das Persönliche so gut wie möglich eliminiert ist. Lola ist im Grunde eine Funktionsattrappe: attraktiv, aber abstrakt. Dass sie zwischen den Marathonschichten ab und zu mit ihrer Chefin Elise ins Bett geht, eröffnet keinen Freiraum, sondern neue Ambivalenzen: die beiden Frauen stehen auch in einem instrumentellen Verhältnis zueinander.

          Mit dem Porträt einer modernen Leistungsträgerin stellt Marie Kreutzer der Schauspielerin Valerie Pachner eine schwierige Aufgabe. Denn sie ist auf den ersten Blick zu leicht. Für Lola ist ja entscheidend, dass sie sich nicht zu erkennen gibt, deswegen ist alles, was sie tut, letztendlich Klischee. Und Marie Kreutzer baut diese Figur auch aus Klischees. Die hektischen Fitnessübungen, die routiniert übergestreiften, exquisiten, aber unauffälligen Kleidungsstücke, der Rollkoffer und das Telefon als die wichtigsten Prothesen. Selbst nach dem Sex liegt Lola nicht einfach da, sie nimmt eine Pose ein, wird Teil eines Bilds. Und dieses Bild lässt wenig Freiraum für ein Spiel, in dem Valerie Pachner aus Lola ein Individuum machen könnte. Sie muss den Widerstand spielen, den Lola dagegen hat. Und das gelingt ihr ziemlich gut.

          Der Makel, den die Schwester gern unsichtbar machte

          Das hat auch damit zu tun, dass sie ein starkes Gegenüber bekommt. Lola tut zwar so, als wäre sie auch mit ihrer Biographie ein Prototyp der radikalen beruflichen Verfügbarkeit: „Vollwaise, alleinstehend, kinderlos.“ Sie verschweigt dabei aber, dass es noch eine ältere Schwester gibt, Conny, die in Wien lebt und nach einem Selbstmordversuch in stationärer psychiatrischer Behandlung ist. Conny ist alles, was Lola nicht ist: fragil, eigensinnig, ortsgebunden. Sie drängt sich ins Leben der gestressten Schwester und besetzt die freie Zeit, die Lola eigentlich kaum hat. „Der Boden unter den Füßen“ wird damit auch zu einem Thriller heutiger Logistik: zwischen zwei Meetings schnell zum Flughafen, zwischen strategischen Überlegungen ein wenig Empathie.

          Auch auf dieser Ebene ist noch weitgehend konventionell, was Marie Kreutzer macht. Sie stellt zwei nicht miteinander vereinbare Welten einander gegenüber, vorgebliche Rationalität gegen ein Übermaß an Seele. Spannend wird die Polarität, weil Lola durch ihre familiäre Verpflichtung im Kern ihrer künstlichen Identität getroffen wird. Psychische Erkrankungen machen Menschen unberechenbar, und diese Unberechenbarkeit ist Teil des Familienerbes, das Lola nicht haben möchte. Conny ist der Makel, den Lola gern unsichtbar machen würde, in dem sie sich aber auch wieder erkennen könnte. Und zwar in einer Entstellung, die ihr dann tatsächlich den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

          Selbst in der Spannung, von der er erzählt

          Marie Kreutzer hat ihren Film im Februar auf der Berlinale präsentiert. Es war der bisher größte internationale Auftritt einer Regisseurin, die sich immer wieder mit Familienverhältnissen beschäftigt hat. Aus diesen Familien kommen Menschen, die ihren Überforderungen auf unterschiedlichste Weise Herr zu werden versuchen. Die Arbeit ist eine besonders naheliegende Weise, das war auch schon in „Gruber geht“ (2015) ein Thema.

          Die ungleichen Schwestern sind exzellent besetzt: Valerie Pachner und Pia Hierzegger, beide Österreicherinnen wie die Regisseurin, verkörpern auch Aspekte des Weltbezugs in dem kleinen, reichen, mitteleuropäischen Land. Pachner wird dieser Tage in Cannes auch in einer Rolle in Terrence Malicks neuem Film „A Hidden Life“ (über den oberösterreichischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, der 1943 hingerichtet wurde) zu sehen sein. Sie hat alle Chancen auf eine internationale Karriere. Pia Hierzegger war auch schon in den früheren Filmen von Marie Kreutzer dabei, und eine ihrer bekanntesten Rollen hatte sie in Josef Haders „Wilde Maus“. Sie macht aus der Conny in „Der Boden unter den Füßen“ eine innerlich reiche, sehr bewegende Figur, auch eine sehr österreichische – es hat nicht nur mit ihrer Krankheit zu tun, dass man sich diese Conny kaum bei einem globalen Consulting-Unternehmen vorstellen könnte.

          Der Film mit diesen beiden Figuren und diesen beiden Darstellerinnen steht selbst in der Spannung, von der er erzählt: zwischen Analyse und Empathie, zwischen der vivisezierenden Darstellung einer entfremdenden Welt und dem Rätsel, das Lola sich selbst allmählich wird, setzt Marie Kreutzer fast zu sehr selbst auf Strategien der Distanzierung. Ihr Film wirkt manchmal wie eine Funktionsoberfläche, doch die Spannung zwischen den beiden Frauen belebt ihn immer wieder, und macht ihn sehenswert über die gesellschaftskritische Agenda hinaus.

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