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Video-Filmkritik „Die Bücherdiebin“ : Wer erzählen kann, hat gute Karten

Bild: 20th Century Fox

In Brian Percivals Verfilmung des Bestsellers „Die Bücherdiebin“ rettet ein junges Mädchen Bücher vor der Verbrennung im Zweiten Weltkrieg. Eine Glorifikation des Lesens vor erlesener Kulisse.

          Es gibt schlechtere Erzähler als den Tod. Schließlich hat er viel gesehen in den letzten paar tausend Jahren, und seine Haltung zu den Dingen sollte von leidenschaftsloser Klarheit geprägt sein. Mitleid mit denen, die unweigerlich seine Klienten sein werden, kann er sich nicht leisten - und wenn er davon abweicht, wird es erst richtig interessant.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist die erzählerische Grundkonstruktion in Markus Zusaks Bestseller „Die Bücherdiebin“ von 2005, der drei Jahre später auf Deutsch erschienen ist, und zwar gleichzeitig in zwei inhaltlich identischen, aber unterschiedlich gestalteten Büchern: das eine für jugendliche, das andere für erwachsene Leser. Zwei Perspektiven auf den Text also, und auch dem Tod steht in „Die Bücherdiebin“ eine zweite Instanz gegenüber, die seinen Vogelblick durch den aus dem Innersten des Geschehens ergänzt - ein Mädchen auf der Schwelle zur Pubertät, das sich tapfer in einer aus den Fugen geratenen Welt behauptet.

          Sie heißt Liesel, und weil ihre Mutter im nationalsozialistischen Deutschland keine andere Möglichkeit für ihre Tochter sieht, als sie zu Unbekannten in Pflege zu geben, landet sie eines Tages bei einem älteren Ehepaar, das in einer bayerischen Provinzstadt lebt. Liesels Pflegemutter ist ebenso ruppig wie gutherzig, und dem Pflegevater gelingt es, dem verstörten Mädchen eine Art Zuhause zu bereiten.

          Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus, und von dem Inferno, das nun über die Kleinstadt hereinbricht, hat der Tod viel zu berichten. Dass er das nicht ganz so distanziert hinter sich bringt, wie es zu erwarten wäre, liegt an der Faszination, die für ihn wie für alle anderen von Liesel ausgeht. Um ihretwillen lässt er, sonst erst in der jeweiligen Todesstunde eines Menschen präsent, sich zweimal vor dem Kind blicken. Beim nächsten Mal, Jahrzehnte später, nimmt er im Epilog des Romans eine Frau zu sich, die Kinder und Enkel zurücklässt.

          Anschaulich und erzählerisch komplex

          Markus Zusaks „Bücherdiebin“ ist so farbig und anschaulich wie erzählerisch komplex, und ein Film, der das knapp 600 Seiten starke Buch adaptieren will, kommt um kräftige Einschnitte in die Handlung und Begradigungen im Aufbau nicht umhin. Brian Percivals Film kappt lieber ganze Stränge, als dass er in zwei Stunden dem Buch hinterherhechelt, und das wird man begrüßen.

          So wird das komplizierte Verhältnis zwischen Liesel und ihrer von Emily Watson großartig gespielten Pflegemutter Rosa in wenigen Szenen erst zu Konturen gebracht, die anschließend aufgeweicht werden - „Saumensch“, so beschimpft Rosa gern alle und jeden, und es ist keine Überraschung, dass sie es später ist, die der politisch oppositionellen Familie während der Nazi-Zeit einigermaßen Halt gibt. Liesels Freundschaft mit dem netten Nachbarsjungen Rudi, der sie so gern küssen möchte und seinen Kuss erst im Tod bekommt, gewinnt im Film an Gewicht, und der bei Liesels Pflegeeltern untergetauchte Jude Max dient wie im Buch als Katalysator für die Entwicklung des anfangs analphabetischen Mädchens zu einer Jugendlichen, die im Schreiben Rechenschaft von sich und der Welt ablegt.

          Wer erzählen kann, hat gute Karten

          Besonders diesen Stationen der Romanhandlung schenkt der Film Aufmerksamkeit und erzählt so eine Geschichte, in der Lesen und Schreiben das Rüstzeug gegen die Diktatur darstellen und der erzwungenen Bücherverbrennung das Retten eines dieser Bücher durch Liesel folgt, die sich dabei fast selbst in Brand setzt. Lesen lernt sie mit einem Handbuch, das der Totengräber bei der Beerdigung ihres kleinen Bruders verloren hat, im selben Moment, in dem sie erstmals zur titelgebenden Bücherdiebin wird. Schreiben lernt sie nicht zuletzt im Keller, in dem ihr Pflegevater liebevoll gemalte Buchstaben an den Wänden anbringt und in dem später der Flüchtling Max einquartiert wird, der sie lehrt, Worte als lebensspendend anzusehen. Noch später wird sie dem Fieberkranken vorlesen und ihn damit vor dem Tod retten.

          Wer erzählen kann, hat gute Karten, hämmert der Film uns ein, und dass die Geschichten, die Liesel, die besessene Leserin, im Luftschutzkeller erzählt, exakt das sind, was die dort Versammelten brauchen, um nicht zugrunde zu gehen.

          Die ästhetische Seite der Geschichte

          Optisch geht all dies so nahtlos auf wie weltanschaulich, und weil der Film unverkennbar auf die ästhetische Seite der Geschichte setzt, sind die Bilder sorgsam komponiert, geben die Hakenkreuzfahnen rote Farbtupfer in einer sonst grauen Straße ab und ist die kleine Liesel ebenso wie ihr Freund Rudi von engelhafter Schönheit. Angesichts der erlesenen Bilder nimmt man der Stadt den Dreck und den Schutt nicht ab, und die in Babelsberg gefilmten Kulissen wirken auch deshalb so künstlich, weil aus jedem Bild die Liebe seiner Urheber zur Ausstattung spricht.

          Muss man das dem Film ankreiden? Ist der Wille zur Stilisierung nicht ein legitimes ästhetisches Mittel, das im Umgang mit historischen Stoffen geradezu illusionsdurchkreuzend wirken kann?

          Platte Glorifikation des Lesens

          Sicherlich, nur geht dabei eine wesentliche Dimension der Vorlage verloren, weil alles, was Zusak aufbietet, um aus dieser platten Glorifikation des Lesens eine differenzierte Darstellung zu machen, fehlt. Denn Hochglanz ist im Buch an keiner Stelle zu finden, stattdessen ist, wo immer sich der Tod einschaltet, ein Hauch von Tragik in der Schilderung, der im Film wuchtig beiseitegeblasen wird. Seine Rolle wird dabei derart marginalisiert, dass sein plötzliches Auftreten am Filmende auf einmal völlig deplaziert wirkt, so ungewohnt ist seine Perspektive geworden.

          Die Kamerafahrt durch das Zimmer der nunmehrigen Greisin Liesel aber zeigt uns allen Ernstes das abgewetzte Akkordeon ihres Pflegevaters in einer Vitrine mitten im Raum. Wer hier lebt, soll uns das zeigen, und auch, dass nichts vergessen wurde von den schlimmen Jahren. Und spätestens hier möchte man einem Film, der seinen Zuschauern rein gar nichts zutraut, den Rücken kehren.

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