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Video-Filmkritik zu „Birdman“ : Natürlich kann er fliegen

Bild: 20th Century Fox

Was tun, wenn man ein ehedem berühmter Superheldendarsteller ist und lieber etwas Besseres spielen will? Die hochgehandelte Broadway-Komödie „Birdman“ mit Micheal Keaton, Edward Norton und Naomi Watts zeigt es auf großartigste Weise.

          Wenn wir längst vergessen haben werden, ob Sylvia die Ex-Ehefrau und Laura die Geliebte war oder umgekehrt und ob Naomi Watts eine von ihnen spielte oder ob es doch Amy Ryan und Andrea Riseborough waren, wenn wir nicht mehr wissen, was Riggans Tochter eines Abends auf dem Dach gegenüber der Leuchtreklame eines anderen Theaters zu suchen hatte und wie sie hieß (nur noch, dass Emma Stone sie spielte), wenn wir uns fragen, warum Edward Norton eigentlich mit den Fäusten auf Michael Keaton losging und dabei keine Hose trug, wenn uns entfallen sein wird, welche Rolle Zach Galifianakis gab und worüber wir gelacht haben - selbst im Zustand weitgehenden Gedächtnisverlusts über Rollen und Plot also werden wir noch spüren, wie sich dieser Film angefühlt hat. Wie wir uns angefühlt haben, während wir im Kino saßen und schauten. Was wir gehört haben. Und wo all das, was unserem Gedächtnis inzwischen entglitten sein mag, sich abspielte.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir schwebten. Manchmal hörten wir nichts, andere Male ein Trommeln auf verschiedenen Geräten. Wir waren in New York, im Labyrinth der Umkleidekabinen und auf der Hinterbühne eines Broadway-Theaters. Es war Winter.

          Die Rede ist - natürlich!, muss man inzwischen sagen, nach zahllosen Auszeichnungen, neun Oscar-Nominierungen und Lobpreisungen auf fast allen Kanälen seit der Premiere beim Filmfestival in Venedig (auch bei uns: F.A.Z. vom 28. August 2014) - von Alejandro Gonzáles Iñárritus Film „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der in dieser Woche endlich auch die Leinwände in unserem Land erreicht. Und natürlich erzählt der Film eine Geschichte, an die wir uns noch erinnern, auch wenn sie bald ihre Konturen verlieren wird. Naomi Watts ist dabei, aber weder als Ex-Ehefrau noch als Geliebte.

          Michael Keaton spielt Riggan, einen Filmstar, genauer einen ehemaligen Filmstar, der als Birdman, ein fliegender Superheld mit Vogelmaske, berühmt wurde. Dass Michael Keaton in den achtziger Jahren tatsächlich Batman war, ist ein Besetzungsgag, und dass er, der seitdem im Kino keinen würdigen Platz gefunden hat, nun einen ehemaligen Superheldendarsteller auf der Suche nach einer würdigen Rolle im Theater spielt, mit der er seine Superheldenvergangenheit endlich abschütteln kann - das kann man für eine geniale Engführung halten. Oder für einen Sonderfall der Verbindung von Filmgeschehen mit Extrawissen, das wir an jeden Film herantragen.

          Irrwitzige Dialoge, die auch als Hörbuch funktionieren

          Dieser Riggan jedenfalls ist dabei, Raymond Carvers Kurzgeschichte „What We Talk About When We Talk About Love“ auf die Bühne zu bringen, einem Mitspieler fällt eine Lampe auf den Kopf, und er braucht eine Neubesetzung. Es folgt ein irrwitziger Dialog - nicht der einzige, der schallendes Gelächter auslöst; die Dialoge würden auch als Hörbuch funktionieren - mit seinem Produzenten (Zach Galifianakis), der bei jedem Namen (Robert Downey jr., Michael Fassbender, Jeremy Renner) einen Superheldenfilm nennt, mit dessen Dreharbeiten die Gewünschten gerade beschäftigt sind. Schließlich kommt auf anderem Weg Edward Norton zu seinem perfekt austarierten Auftritt als Star. Die Rettung, einerseits. Ein Menetekel andererseits, denn dieser Star lebt nur, wenn die Kamera läuft oder der Vorhang sich hebt.

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