https://www.faz.net/-gs6-7z2ko

Video-Filmkritik zu „Birdman“ : Natürlich kann er fliegen

Wir lernen Riggan übrigens kennen, während er im Lotussitz in seiner Garderobe einen knappen Meter über dem Boden schwebt. Er kann tatsächlich fliegen, und das ist der Witz an diesem Film. Nicht, ob aus einem Superheldenstar jemals ein ernsthafter Schauspieler werden kann. Nicht, ob es möglich ist, eine Rolle loszuwerden, für den einen die Welt liebte. Der Witz hier ist: Alles ist Bewegung, ein einziges Gleiten. Es gibt schon auch Schnitte, aber es sollen nicht mehr als vierzig sein (ein durchschnittlicher Action-Film hat fünfhundert), und sie verstecken sich. Wie in einer einzigen langen Einstellung und als lägen wir auf den Flügeln eines riesigen Vogels, nehmen uns Iñárritu und sein Kameramann Emmanuel Lubezki mit in die Kulissen und manchmal hinaus auf die Straße. Aber wir fliegen mit ihnen nicht in eine phantastische Welt, sondern in die schäbige, die hinter den Bühnen des Broadways liegt.

Die Welt des Theaters filmisch inszeniert

Man kann die lange Einstellung für einen Fetisch des Kunstkinos halten, angebetet von den Epigonen Godards, Antonionis und Angelopoulos’. Hier aber ist sie nicht nur ein Kunststück, das Lubezki (der zuletzt „Gravity“ filmte und auch die letzten Filme von Terrence Malick fotografierte) vollführt wie ein Zirkusakrobat - die Logistik allein dafür, wie und wo das Licht zu setzen ist, wenn die Kamera sich hierhin bewegt und dorthin und alles in ihren Blick kommt -, sondern die Illusion des unmontierten Schwebens verbindet die beiden Welten, um die es hier geht: die des Theaters, in dem es kein Off gibt und in dem das alles spielt, und die des Films, für den es inszeniert wird.

Und so packt Iñárritu alles in diesen Film, was zum Spiel gehört, Requisiten und Plakate, Masken und Klischees (die Kritikerin), Nebenhandlungen, alte Geschichten, Slapstick und Melodram, als wollte er sagen, mehr ist mehr, so war es doch immer. Aber weil er darüber die Bewegung nicht vergisst, wirkt das alles leicht, als hätte es keine Bedeutung zu tragen über das hinaus, was es ist.

Über den Broadway hinwegfliegen

Hier liegen die Schönheit wie die Überraschung dieses Films. Nur wenn man alles herausnähme, die Schauspieler, die Kamera, die Musik, die Stille, die Trommeln, die Bewegung, erst dann wäre man bei diesem abgeschmackten Ding namens Thema: ein Mann auf der Suche nach einer besseren Rolle im Leben. Doch so leicht, wie „Birdman“ über die Leinwand gleitet, ist das eine ganz und gar abwegige Idee: dass dieser Film ein Thema hätte, in dem sich seine Bedeutung versteckt hielte. Der Film ist so hinreißend, nicht, weil in seinem Zentrum etwas zu entdecken wäre, das wir noch nie gesehen hätten. Sondern weil er eine uralte Geschichte des Theaters wie des Kinos mit den Mitteln des Films noch einmal erfahrbar macht, ohne sich hineinzubohren oder nach etwas zu buddeln, das gar nicht da ist.

„Birdman“ ist keine große Metapher auf das Leben und die Kunst und wo sie ununterscheidbar ineinanderragen. „Birdman“ ist die Geschichte eines Mannes, der genau aus dieser Verschmelzung nicht herauskommt und der deshalb aus dem Fenster hinaus- und über den Broadway hinwegfliegen kann. Und wie Michael Keaton, im Mantel des Privatmanns, nicht im Kostüm des Superhelden, da aufrecht in der Luft auf der Höhe des vierten Stocks zwischen Baumwipfeln steht, ist er ganz bei sich. Endlich, muss man angesichts von Iñárritus früheren Filmen („Babel“ etwa oder zuletzt „Biutiful“) sagen, dürfen hier die Figuren und die Dinge sein, was sie sind - ganz sinnlose Erfindungen der Phantasie.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.