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Video-Filmkritik „Beach Bum“ : Da heult der Mond den Hund an

  • -Aktualisiert am

Bild: Constantin Film

So einen Hippie hat die Welt seit Jahrzehnten nicht gesehen: Matthew McConaughey raucht sich im Floridafilm „Beach Bum“ weise.

          3 Min.

          Ganz unten im äußersten Süden von Florida hängt an Nordamerika noch ein Tentakel, von dem man fast schon meinen könnte, es führte bis nach Kuba oder gleich nach Brasilien. Es geht dann aber doch nur bis nach Key West. Nirgendwo sonst ist man in den Vereinigten Staaten den Tropen näher, nirgendwo sonst kann man leichter so tun, als gäbe es den kapitalistisch-militärischen Hegemon gar nicht, von dem man ein (exzentrischer) Teil ist. Harmony Korine erzählt in seinem neuen Film „Beach Bum“ von einem Mann, für den schon eine Fahrt nach Miami eine kleine Weltreise in die Zivilisation ist. Er heißt Moon Dog, von Beruf ist er Dichter, in erster Linie aber Inkarnation einer romantischen Lebensform: auf seinem Boot mit dem beziehungsreichen Namen „Well Hung“ tuckert er die Florida Keys entlang, zwischen den zumeist hochgelagerten Beinen eine alte Schreibmaschine, in der Hand immer ein Bier, und meist auch noch einen Joint oder eines dieser Geräte, die den entspannenden Rauch noch ein bisschen stärker inhalieren lassen. „Beach Bum“ ist tatsächlich das, was der Titel verspricht: das Porträt eines höheren Penners, eine Feier von Gegenkultur, die über alle Widerstände so locker hinweggleitet wie eine schnittige Jacht über das Gekräusel der Wellen vor Florida. Die Jacht gehört natürlich nicht Moon Dog, er ist eher jemand, der als Gast die Reichen beehrt, als schillernde Figur, als Faktotum.

          Florida ist der eigentliche Trip

          In gewisser Weise ist „Beach Bum“ auch eine Feier eines Modegegenstands. Das Hawaiihemd zieht gelegentlich Spott auf sich, als eine Art Landschaftstapete für häufig umfangreichere Männerbäuche. Wer ein Hawaiihemd anzieht, kleidet sich in die Flagge eines Lebensstils, der eigentlich nur dann vertretbar ist, wenn man ihn nicht touristisch simuliert. Moon Dog ist mithin der legitime Träger. Er füllt die schreiend farbenfrohen Textilien mit Leben, und lässt sie natürlich so weit offen, dass der Ausschnitt auf das Offensichtliche verweist: auf die Manneskraft, die von weiter unten aus alles durchpulst. Wobei Moon Dog auch in sexueller Hinsicht im Grunde seinem poetischen Amt huldigt: er ist ein Künstler mit der Zunge.

          Das klingt zwar nun alles ziemlich deutlich nach einer Komödie oder gar einer grellen Satire. Aber Harmony Korine meint es offensichtlich ernst mit seinem Protagonisten. Kann man „dichterisch leben“ auch dann, wenn der Genius Loci eigentlich Garnichtstun und Schweigen fordert? Korine hält dagegen, dass auch dieser Zustand nach einem Idiom verlangt. Er findet es in einem Filmgedicht, zu dem eine ganze Reihe von Faktoren wesentlich beitragen. Der prominenteste ist der Hauptdarsteller. Matthew McConaughey hat sich einen Ruf für einen Hang ins Unorthodoxe erworben. Hier spielt er einen Hippie, wie es seit „Easy Rider“ keinen mehr gab, zugleich großer Solist wie Weltumarmer. Das Licht und die Farben von Florida hat der Kameramann Benoît Debie eingefangen. Neben all den Drogen ist Florida selbst der eigentliche Trip. Die Sonnenuntergänge sind so mächtig, dass man sie tatsächlich für ein Hintergrundstrahlen der Ewigkeit halten könnte. Jener Ewigkeit, nach der Moon Dog offensichtlich sucht.

          Wo vor der untergehenden Sonne geraucht wird, darf Snoop Dogg nicht fehlen.

          „Beach Bum“ erweist sich mit seiner Überbietung der Westküstenglorie zugleich als heiterer Zwilling von „Spring Breakers“ (2012), in dem Harmony Korine vor sieben Jahren ein deutlich düstereres Bild von Florida zeichnete. Auch damals war Debie der Kameramann, und James Franco verkörperte in der Rolle des Drogen- und Waffenmoguls Alien die hedonistischen Perversionen der Gangster-Macho-Rollenbilder, mit denen Hip-Hop den Mainstream flutete. Korine, Jahrgang 1973 und Filmdebütant mit „Gummo“ in den neunziger Jahren, als die weiße Rockmusik Terrain zurückeroberte, arbeitet seither an seiner persönlichen Archäologie der amerikanischen Popkultur. In „Beach Bum“ sind afroamerikanische Stars wie der Rapper Snoop Dogg oder der Komiker Martin Lawrence (in einer großartigen Nebenrolle als Delfinjäger) an zentralen Stellen präsent. Die deutlichste Anspielung auf einen denkbaren Kontext für Moon Dogs überlebensgroße Extravaganz gilt aber einem kalifornischen Autor: Richard Brautigan starb 1984 in Bolinas, wo Harmony Korine geboren wurde.

          Ob man mit den lapidaren Zeilen, mit denen Brautigan in „Beach Bum“ schließlich wörtlich zitiert wird, tatsächlich einen großen Literaturpreis erlangen kann, kann man getrost dem warmen Zwielicht überlassen, in das Harmony Korine seinen ganzen Film taucht: am Ende ist es nicht mehr wirklich wichtig, ob es von dem Dauerdusel, in den Moon Dog nicht nur sich, sondern eben auch die ganze Welt um sich herum versetzt, noch einen Weg in eine andere Wirklichkeit (zurück) gibt. Die Wiederverzauberung der Welt, wenn sie denn jemals wirklich statthaben sollte, wird von Florida ausgehen, näherhin von einem Strandstück am äußersten Ende von Key West, an dem die Flaschenpost, die „Beach Bum“ darstellt, irgendwann wieder angeschwemmt werden sollte.

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