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Video-Filmkritik zu „Ad Astra“ : Ein schrecklich trauriger Raketendieb

Bild: Twentieth Century Fox

Man sollte den Mond schon ernst nehmen. Das Weltraumfilmdrama „Ad Astra“ mit Brad Pitt aber bleibt künstlerisch leer – sein Hauptdarsteller ist der einzige Lichtblick.

          3 Min.

          Am Anfang will der aero- und astronautische Befehlsempfänger Roy McBride sich auf niemanden und nichts verlassen müssen. Er versucht, völlig in den verinnerlichten Reglements des technisierten Abenteuers aufzugehen, die er von seinem Vater Clifford geerbt hat, den in James Grays Film „Ad Astra“ Tommy Lee Jones mit erst stechendem, dann wässrigem Blick spielt, eingangs straff, später wie zerlaufen und mit Bartfransen behangen. Der alte Herr, sagt die Vorgeschichte, die der Film langsam auswickelt, brach jederzeit überallhin auf, wo man ihn haben wollte, und ging bei der Pflichterfüllung als Forscher, Führer und Funktionär sogar über Leichen. Für seinen Sohn hat er sich nie Besseres gewünscht; das Erbe ist ein Fluch.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Ende des Films, nach einer sehr langen Nachtfahrt, hat der leidende Sohn, den in „Ad Astra“ Brad Pitt spielt, gelernt, dass er sich nicht von allen und allem isolieren darf, sondern bauen soll auf „diejenigen, die uns am nächsten stehen“. Der Vater ist nicht mitgemeint, den durfte er endlich loswerden, aber der Film zeigt uns von den hypothetischen Personen, die dem Sohn bei der Menschwerdung helfen könnten, nur eine, und die ist ein Abziehbild, schön und passiv: Liv Tyler wartet, dass er zurückkommt, das scheint ihr zu genügen.

          Bis es so weit ist, informiert uns über die Selbstfindungs-Lernfortschritte des Astronauten dessen innere eigene Stimme – man kann nur hoffen, dass der Regisseur James Gray niemals das Leben, sagen wir: einer Dichterin verfilmt, die würde sonst dauernd aus dem Off ihre Gedichte vortragen, denn anders als über einen musealen Audiokommentar auf der Tonspur vermag Gray Gemütsbewegungen nicht darzustellen. Das ist bedauerlich, denn Brad Pitt spielt den zwischen Ertaubung des Herzens und Wiedererwachen des Gewissens strapazierten Helden eigentlich einnehmend, zurückhaltend, glaubhaft. Viel mehr als ein hinter der Stirn und in Kieferspannung zusammengedrängtes Heimgesuchtsein von seinen Widersprüchen darf er jedoch nicht aus der Rolle holen; das Drehbuch greift über seinen Kopf hinweg zu weit ins Leere.

          Für den kleinen Horror zwischendurch

          Zwar gibt es viel zu sehen und zu staunen – Pitt stürzt vom Technoturm zu Babel auf den Boden der Tatsachen, oder er bricht auf dem Mars in eine Rakete, die er stehlen will, so geschickt ein wie Spider-Man in „Avengers: Infinity War“ in ein außerirdisches Raumschiff. Das ist unterhaltsam, wie die Autoscooter-Verfolgungsjagd auf dem Mond oder ein kleiner Horrorschrecken mit einem wilden Affen zwischendurch, aber Spannung und Jux sind ja erkennbar nicht der Kunstzweck dieser Veranstaltung; es geht vielmehr um die Vermittlung der in verschiedenen Tonarten durchgeorgelten, mehrfach auch explizit ausgesprochenen Botschaft: „Wir Menschen haben nur einander.“ Dieser Vermittlung aber schadet der Umstand doch sehr, dass die Person, zu der Ikarus am Ende zurückkehrt, nicht entfernt wichtig genug genommen wird, als dass man ihr eine eigene Geschichte, eine wenigstens hauchdünne erzählerische Existenz hätte spendieren mögen.

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