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Video-Filmkritik : Zerrissen: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“

Bild: Tobis

Die „Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez ist einer der größten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts. Mike Newells Verfilmung versucht den Spagat zwischen Marktgängigkeit und Texttreue.

          Vergessen wir für einen Augenblick, dass die „Liebe in den Zeiten der Cholera“ ein Roman von Gabriel García Márquez ist, einer der größten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts. Worum geht es? Ein Jüngling liebt ein Mädchen, doch dessen Vater sucht eine bessere Partie. Das Mädchen heiratet einen anderen Mann, der Jüngling bleibt unverheiratet und wartet. Einundfünfzig Jahre, neun Monate und vier Tage harrt Florentino Ariza aus, bis er seine zweite, endgültige Chance bekommt. In dieser Zeit hat Florentino mehr als sechshundert Geliebte, doch keine ist seinem Herzen so nah wie Fermina, und so zögert er nicht, als er die Nachricht vom Tod seines Nebenbuhlers erhält.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es geht, kurz gesagt, um die Dauer einer Liebe. Und mit der Dauer (nicht mit der Liebe) hat das Kino so seine Schwierigkeiten. Nicht nur, dass es schon an sich eher eine Kunst der gerafften als der gedehnten Zeitlichkeit ist (Sepp Herberger: „Ein Film dauert neunzig Minuten“) - auch wenn es sich manchmal ganz anders anfühlt. Das Kino tut sich auch von jeher besonders schwer mit der Darstellung von Zuständen: Hoffen, Beten, Stehen, Schweigen. Der bisher längste aller Filme, Andy Warhols „Empire State Building“, zeigt fast zwanzig Stunden lang nichts als das berühmte Hochhaus in New York, in dem die Lichter an- und wieder ausgehen, je nach Tageszeit. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die diesen Film gesehen haben, und man versteht sofort, warum. Ein Film, der vom Warten erzählen will, ohne sein Publikum in Meditationsstarre zu versetzen, muss also genauso wie Florentino Ariza zu Ersatzaktivitäten schreiten: erotischen und dramaturgischen.

          Problem erkannt und begriffen

          Mike Newell, der Regisseur von „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“, zeigt gleich zu Beginn seines Films, dass er dessen Grundproblem erkannt und begriffen hat. Schon in der ersten Szene stirbt Doktor Juvenal Urbino, der Ehemann Ferminas, beim Sturz von einer Leiter, und bereits in der nächsten Einstellung erfährt Florentino Ariza die Todesnachricht, so dass die Begegnung der beiden Hauptfiguren in Minutenschnelle erledigt ist. Bei diesem Treffen freilich fällt die Witwe ihrem Verehrer nicht um den Hals, sondern empfiehlt ihm (so steht es bei García Márquez), sich zum Teufel zu scheren. Womit der Film endgültig an den Punkt gelangt ist, an dem er mit den Rückblenden anfangen muss. Bis dahin sind im Buch achtzig Seiten, auf der Leinwand aber nur zehn Minuten vergangen - auch eine Art Rekord.

          Die Geschwindigkeit, mit der Mike Newell zur Sache kommt, hat allerdings einen Nachteil: Sie weckt falsche Erwartungen. Auf die Dauer kann der Film eben doch nicht verbergen, dass er im ausgehenden Postkutschenzeitalter spielt, in einer Welt, in der die schnellsten Verkehrsmittel Lokomotiven und Dampfschiffe sind und der Großteil der Menschheit noch zu Fuß geht. Dies tut auch der junge Florentino (gespielt von dem Spanier Unax Ugalde), wenn er seine Telegramme austrägt, und die feierliche Bedächtigkeit seiner Bewegungen passt ausgezeichnet zu der morbiden, maladen, von Wollust und Weihrauch geschwängerten Atmosphäre der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Hier beginnt die Geschichte, und da man ja weiß, dass sie einundfünfzig Jahre, neun Monate und vier Tage dauern wird, richtet man sich auf einen Film von epischer Breite und musealem Zauber ein, einen Film wie „Doktor Schiwago“, „Barry Lyndon“ und „Es war einmal in Amerika“, auch wenn man insgeheim ahnt, dass es solche Filme nie wieder geben wird.

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